Donatien-Alphonse-François, Marquis de Sade

Der Marquis de Sade gehört zu jenen Autoren, die einen notorisch schlechten Ruf geniessen. Bei de Sade gilt das zumindest für den deutschen Sprachraum, im französischen ist er längst als Klassiker etabliert und seine Werke erscheinen in den populären Taschenbuchreihen von Gallimard, folio, 10/18.

Seinen schlechten Ruf verdankt er dem über weite Strecken pornografischen Inhalt seiner Schriften. Wobei das Grundmuster seiner Romane immer mehr oder weniger dasselbe ist: Ein oder mehrere unschuldige Mädchen geraten in die Hände alter, reicher Wüstlinge, die an ihnen ihre perversen sexuellen Gelüste ausleben. Das Abschneiden von Gliedmassen (vor allem die Zehen werden gern genommen) ist an der Tagesordnung.

Soweit so gut, und wenn es nur das wäre, bestünde kein Grund, warum de Sade mehr sein sollte als eine Anmerkung in der Geschichte der Literatur, Unterabteilung „erotische Literatur“. Dort könnte er sich eine Nische sichern neben der „Josefine Mutzenbacher“ von Felix Salten. Doch während die „Mutzenbacher“ nur auf Sex aus ist, und zu Recht einen Platz im Olymp der Pornografie erhalten hat, geht de Sade weiter. Es sind bei ihm nämlich immer arme Mädchen aus dem Volk, die in die Fänge reicher Lüst- und Wüstlinge geraten. Diese sozialkritische Komponente, auf die de Sade sich auch vor den Tribunalen der Französischen Revolution berufen konnte, macht aus seinen Werke mehr als plumpe Pornografie. Der Marquis war der französischen Krone ein Dorn im Auge, was zugegebenermassen mehr auf Unachtsamkeit des temperamentvollen Südfranzosen zurückzuführen war als auf bewusste Absicht. Auch wenn sich hier natürlich noch einmal der Konflikt zwischen dem alten französischen Schwertadel, der ein aristokratisches Leben unabhängig vom König suchte, und ebendiesem König aufflackerte. Denn letzterer konnte seinen absolutistischen Staat nur halten, wenn er sich dabei auf von ihm völlig abhängige Adlige stützen konnte, den von ihm ernannten Briefadel nämlich, der – da ohne Land und damit ohne weiter Ressourcen zum Leben – in Versaille gänzlich dem König ausgeliefert war. Jahrelang wurde deshalb der Störefried de Sade mit einem sog. „Lettre de cachet“ (d.h., ohne Gerichtsverfahren, nur weil es der König so wollte) im Gefängnis festgehalten. (Die Freiheit, die ihm die Französische Revolution brachte, sollte allerdings nur von kurzer Dauer sein. Die Revolutionäre – prüde, wie es Revolutionäre immer sind, für die neben ihrer Revolution nichts anderes existiert, existieren darf – empfanden ihren Kampfgenossen sehr rasch als untragbar. Wieder musste der Marquis hinter hohen Mauern eingeschlossen werden. Nur war es diesmal eine Irrenanstalt, kein Gefängnis mehr. Er sollte in der Irrenanstalt sterben.)

Diesen Briefadel nämlich hat de Sade im Auge, wenn er die reichen alten Wüstlinge schildert. Er gibt sogar an, hier nur nach der Realität zu erzählen.

Welchen Sinn aber hat eine Lektüre de Sades heute noch? Sein Stil ist spröde – wem es nur darum geht, sich an seiner Lektüre aufzugeilen, wird deshalb sehr rasch davon abstehen. Die Französische Revolution ist Geschichte, die Auseinandersetzungen zwischen Schwertadel und französischem König sowieso. Selbst dem Sexualpathologen bringt der Marquis wenig, weil er stets zwei Perversionen zu mischen pflegt, die in der Realität m.W. relativ selten zusammen erscheinen: Koprophilie und Sadismus. Vor allem letzterer existiert ja durchaus ohne ersteren.

Nein, de Sade bringt anderes. Erkenntnisse nämlich über das Funktionieren von Macht. Solange nämlich diese jungen, unschuldigen Mädchen daran glauben, dass die alten Lüstlinge die absolute Macht über sie haben, solange haben es diese Lüstlinge auch. Sobald die Mädchen ernsthaft an Flucht denken, ist diese plötzlich ganz einfach möglich. De Sades pessimistisches Weltbild zeigt sich allerdings darin, dass die Mädchen dann ganz einfach und sehr schnell wieder in der nächsten Falle landen.

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