Heimito von Doderer: Der Grenzwald

Es ist immer so eine Sache um Werke, die der Autor zu Lebzeiten nicht mehr vollenden konnte, und die postum erschienen sind. Selbst wenn sie praktisch vollendet scheinen: Hätte sie der Autor wirklich so publiziert? Oder hat er – ganz im Geheimen und vielleicht sogar ohne sich selber dessen schon so ganz bewusst zu sein – noch grössere Änderungen in Betracht gezogen? Nicht jeder Autor ist so vorausschauend wie Kafka, der von seinem Nachlassverwalter die Vernichtung aller noch ungedruckter Werke verlangte. Und nicht jeder Nachlassverwalter setzt sich so nonchalant über den letzten Willen eines Freundes hinweg wie in diesem Fall Max Brod. Und nicht in jedem Fall hat uns eine Handlung wie die von Brod auch Meisterwerke gerettet wie die von Kafka.

„Der Grenzwald“ war von Doderer geplant als zweiter Teil des „Romans No. 7“, eines analog zu der von ihm bewunderten Siebten Symphonie Ludwig van Beethovens auf vier Bände angelegten Werks. Doderer starb vor seiner Vollendung; er wurde ein Jahr nach seinem Tod veröffentlicht. Hätte Doderer die ausgeführten Teile tatsächlich so veröffentlicht? Gefühlsmässig fehlt mindestens die Hälfte, vielleicht mehr.

Der Roman spielt im Dunstkreis der „Strudelhofstiege“, der „Dämonen“. Es tauchen bekannte Figuren auf, aber wie immer bei Doderer stehen in jedem Roman andere Figuren aus seinem Arsenal im Zentrum. Hier ist es Zienhammer, ein Opportunist, der – mehr durch Feigheit denn durch aktives Eingreifen in die Geschehnisse – an der Erschiessung von acht ungarischen Offizieren mitschuldig wird, die von reaktionären tschechischen Truppen während der Auseinandersetzungen im Gefolge der Russischen Revolution erschossen wurden. Diese Tat – so war es offensichtlich geplant – sollte Zienhammer in Wien wieder einholen.

Die Aristotelischen Einheiten von Zeit, Raum und Handlung sollten primär das Drama von der Epik trennen. Letztere war nämlich nicht verpflichtet, sich an eine Einheit der Zeit zu handeln. (Den Raum finden wir allerdings in Aristoteles‘ „Poetik“ nicht einmal …) Nun sind seit Aristoteles ein paar Tausend Jahre ins Land gegangen, und wir haben uns als Rezipienten an etwelche Bockssprünge in Bezug auf Zeit, Raum und Handlung gewöhnt – sei’s auf dem Theater, sei’s im Roman. Und dennoch … Die meisten der ganz grossen Romane halten sich an zumindest eine der drei Einheiten. Bzw. ersetzen die Einheit der Handlung durch eine etwas grosszügiger auslegbare Einheit der Person – nämlich der (Haupt-)Personen. Ein zusammenhang- und damit sinnstiftender Raum kann nachgerade selber zu einer stummen Hauptfigur werden, wird oft sogar titelgebend. „Der Stechlin“, „Ulysses“, „Der Zauberberg“, aber auch Doderers „Die Dämonen“ und „Die Strudelhofstiege“ sind Beispiele sinnstiftenden Raums.

Im „Grenzwald“ sucht der Leser diese sinnstiftende Einheit vergebens. Die Handlung oszilliert zwischen Wien und Sibirien, auch beim Personal überwiegen zwar Zienhammers Erlebnisse quantitativ, ohne aber einen völligen Zusammenhang mit dem Rest erstellen zu können. Doderers Tod hat ein Fragment hinterlassen.

Wer auf der Suche nach dem perfekten, dem „grossen“ Roman ist, sollte den „Grenzwald“ beiseite lassen. Wer Doderer ein bisschen über die schriftstellernde Schulter blicken möchte, erhält mit diesem Fragment eine gute Gelegenheit. Es ist ein „must“ für jeden, der Doderer ganz genau kennen lernen will. Als Fragment grossartig, weil es die Möglichkeit anzeigt, die der Roman gehabt hat. Ein Roman ist es noch nicht.

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Ein Kommentar zu Heimito von Doderer: Der Grenzwald

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