Heimito von Doderer: Die Merowinger oder Die totale Familie

“Die Merowinger” müssen seinerzeit die Kritk auf dem falschen Fuss erwischt haben. Denn hier haben wir einen völlig untypischen Doderer vor uns. Doderer lebt seine mediävistische Ader aus, indem er das Schicksal des letzten Merowingers in seine Gegenwart transponiert. Grotesk schildert er das Leben Childerdich III. von Bartenbruch, eines Nachfahren jener mittelalterlichen Merowinger. Childerich ist im Grunde genommen eine Missgeburt, verunstaltet, schwächlich von Kind auf. Seine jüngeren Brüder sind ihm körperlich weit überlegen und lassen ihn das auch spüren. Schläge sind fast sein täglich Brot. Dennoch wird er Familienoberhaupt und damit beginnt seine Rache. Er setzt alles daran, die “totale Familie” in seiner Person zu vereinen, indem er – beginnend mit der Heirat der Witwe seines Vaters (die nicht seine leibliche Mutter ist) – sich zu seinem eigenen Sohn und Enkel, Vater und Grossvater zu machen beginnt. Ganz nebenbei sammeln sich bei diesem Vorgehen erkleckliche Reichtümer, die er noch vermehrt, indem er den legitimen Erben seiner Gattinnen bzw. seiner Vorfahren mit juristischen Kniffen das Erbe vorzuenthalten versteht. Wie sein historisches Vorbild wird Childerich III. zuguterletzt von seinem Majordomus, dem Grafen Pippin zu Landes-Landen entmachtet. Die Entmachtung wird dabei wörtlich genommen, indem Childerich sein Gemächte wegoperiert wird. So kann Doderer in seiner genealogischen Tafel ein neues Symbol einführen: zwei durchgekreuzte Nullen für “kastriert”.

Der Roman zeichnet sich aus durch hohe Gewalttätigkeit. Viele seiner Progagonisten sind jähzorniger Natur und leben diesen ihren Jähzorn mit der Faust und/oder mit Knüppeln und ähnlichem aus. Moral scheint keine stattzuhaben.

Daneben gelingt es Doderer, Friedrich Theodor Vischers “Auch Einer” zu ergänzen. Doderer führt eine Agentur namens „Hulesch & Quentzel Ltd.“ in London ein, die in Tat und Wahrheit hinter Vischers berühmter Tücke des Objekts steckt, indem sie gezielt Objekte eben austauscht, so dass sie tückisch werden. (Vischers Buch dient übrigens als Kennzeichen der untereinander unbekannten Agenten, die es sich gegenseitig schenken.)

Last but not least treffen wir in Dr. Döblinger auf ein Alter Ego des Autors Doderer. Er ist allerdings ein rechter Nichtsnutz, dessen Hauptaktivitäten sich darin erschöpfen, verschiedene Prügelvereine zu gründen, mit denen er unliebsame Zeitgenossen zu staupen pflegt.

Alles in allem, ein “Mordsblödsinn”, wie der Autor selber sagt – aber Amüsement auf höchster Stufe. (Dem, um im Familienbild zu bleiben, in Gerold Späths “Balzapf oder als ich auftauchte” ein legitimer Sohn entstanden ist.) Eine groteske Satire oder satirische Groteske, die – gerade, weil sie sich des Bezugs auf den Alltag enthält – das Alltägliche entlarvt. Und – in der Gestalt von Doktor Horn – die Psychoanalyse auch gleich.

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