Unmassgebliches zur Textsorte Autobiografie – Gedanken anhand der “Selbstbiographie” von Barthold Heinrich Brockes

Ich habe gerade Barthold Heinrich Brockes’ Selbstbiographie gelesen. 1724 hat sich der Hamburger Senator, Übersetzer und Schriftsteller hingesetzt, um dieses sein Leben zu schildern. Zu der Zeit war Brockes mit seinem Irdischen Vergnügen in Gott schon längst im ganzen deutschen Sprachraum berühmt; selbst das Ausland kannte ihm mittlerweile in Auszügen und Übersetzungen. Dies mag ihn wohl auch bewogen haben, seine Lebensbeschreibung aufzusetzen.

Der heutige Leser erkennt, welche Änderungen seither mit dieser Textsorte vor sich gegangen sind. Ich weiss nicht, ob es diese mehr als 100 Jahre brauchte, bis endlich Descartes’ philosophische Erfahrung des “Ich” im “Ich denke, also bin ich” auch in der Literatur bzw. im Alltag angekommen war. Bei Brockes findet man zwar den Ansatz – dass eben sein Leben wichtig genug ist, um ins Zentrum einer Publikation gesetzt zu werden -, aber es bleibt aus heutiger Sicht beim Ansatz. Im Grunde genommen erfahren wir wenig über den Menschen Brockes – und nichts, das uns der Stadtpfarrer und seine Nachbarn nicht auch hätten erzählen können. Über weite Strecken ist es eine Aufzählung der Studienfreunde und -kollegen bzw. späterer Bekanntschaften. Der Schriftsteller Brockes bleibt im Dunkeln, da der Autobiograf Brockes den Akzent eindeutig auf Brockes’ weltliche Karriere legt. Die ist zwar eindrücklich genug, aber dem heutigen Leser ist diese schon fast übermässig objektive Sicht des Subjektiven völlig fremd.

Auch Goethe hat bekanntlich seine Autobiografie dort abgebrochen, wo es wirklich ans Eingemachte gegangen wäre. Jean Paul veröffentlichte zu Lebzeiten nur eine Konjekturalbiographe (1798) – seine Selberlebensbeschreibung (1818/19) erschien postum (1826). Aber er war dort vielleicht der erste in der deutschen Literatur, der versuchte, von sich selber so wahrheitsgetreu wie möglich zu schreiben, ohne einfach eine Aufzählung äusserlicher Begebenheiten zu liefern. Aber, wie gesagt: nicht zu Lebzeiten. Karl Philipp Moritz tat das zu Lebzeiten – aber sein Anton Reiser (1785-1790) ist als psychologischer Roman getarnt und schiebt ein Alter Ego vor.

Um wieviel offener und ehrlicher geht da Brockes zu Gange. Sicher, ausser ein paar Stürzen vom Pferde, anlässlich derer er jedesmal Gott dafür dankt, dass er ihn vor grösserem Schaden bewahrt hat, wird nicht viel Persönliches ausgebreitet. Im Grunde genommen könnte seine Selbstbiografie als Lebenslauf für eine Stellenbewerbung dienen. Ob dieser aus dem Pietismus Moritz’ entsprungene Drang nach Selbstoffenbarung und Selbstentblössung immer so gesund ist? Vor allem, wenn kein Genie von der Art Moritz’ dahintersteht? Grass’ Autobiografie Beim Häuten der Zwiebel (2006) hat gezeigt, was dabei herauskommt, wenn das Bedürfnis nach medialer Aufmerksamkeit das der Beichte und Busse übertönt. Grass’ Geständnis, Mitglied der Waffen-SS gewesen zu sein, tönt falsch, wenn man weiss, wie er sich früher immer geäussert hat. Da ist dann Goethes Schweigen letztendlich doch offener und ehrlicher gewesen.

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