Nekrophilie und Literaturkritik: Am Beispiel Kafkas

Man sollte ein Verbot in Erwägung ziehen. Eine Art Selbstschutzmaßnahme für alle mit Literatur Befassten, damit ihnen die Lächerlichkeiten und Fettnäpfchen erspart bleiben und sie sich nicht dem Vorwurfe aussetzen müssen, der schier unendlichen Zahl von Unzulänglichkeiten eine weitere hinzugefügt zu haben. Denn auch Sebald, den ich ansonsten durchaus hochschätze, erliegt der Versuchung und fügt der in großen Umfängen vorhandenen Makkulatur ein weiteres, entbehrenswertes Elaborat hinzu. Es geht um die Auslegung von Kafkas Texten (in Sebald: Unheimliche Heimat. Essays zur österreichischen Literatur).

Interpretationen kranken an ähnlichen Symptomen wie Gottesbeweise: Ein willkürlicher Bruch im unendlichen Regress, Setzung eines Absolutums, von dem ausgehend die spekulative Interpretations(Gottes)-Idee entwickelt wird. Bei Sebald die Entdeckung, dass das Wort “Landvermesser” im Hebräischen große Ähnlichkeit habe mit Messias. Dem sei so – und vielleicht war Kafka dieser Zusammenhang tatsächlich bekannt und er hat ihn spielerisch-doppeldeutig im Schloss verwendet. Vielleicht aber auch nicht – und schon bekäme die entworfene Symbolik Risse.

K. als Messias sebaldscher Provenienz, wobei man der prinzipiellen Idee noch einiges abgewinnen könnte. Die indikativische Form hingegen, mit der Sebald diese Meinung vertritt, ist eine Rutschbahn, sie kann nicht mehr Evidenz für sich beanspruchen als die gegenteilige Behauptung. Wenngleich dem Autor das Bemühen um Plausibilität anzumerken ist, merkt der – zunehmend erstaunte – Leser, wie sehr es dem Herrn um die Bestätigung seiner These zu tun ist, mit welchem Aufwand er die einmal gefasste Idee zur Wahrheit zu stilisieren sucht.

Es gibt keinen Schriftsteller, der literaturkritisch (wobei sich hier v. a. die psychoanalytische Richtung hervorgetan hat) öfter geschändet worden wäre. Die Psychoanalyse, Metaphysik des 20. Jahrhunderts für die gelangweilte Hausfrau und Brigitteleserin, deren Psycho-Bildung sich in Tests “Sind Sie der spontane Typ?” von Dr. psych. Marie-Christine Wutzwedel-Wallawaschel erschöpft, hat Kafkas uro-genitalen Bereich zu Tode analysiert. Das Schloss als Phallussymbol, als Inbegriff weiblicher Macht, das zu penetrieren sich der arme Landvermesser vornahm und was dergleichen Abstrusitäten noch die Sekundärliteratur bevölkern.

Natürlich: Diesen Grad an Stumpfsinn erreicht Sebald nirgends. Aber der Ansatz bleibt gefährlich: Auf eine vermeintliche Tatsache sich berufend ein Denkgebäude zu errichten, das im Kern schon die Gefahr des Einsturzes in sich tragen könnte. Was, wenn die Quellenlage den “Landvermesser” plötzlich erklären könnte, Kafkas Gedanken dazu der messianischen Idee Sebalds diametral widersprächen? Hier nun greift die Idee des Konjunktivs, das hätte, würde, könnte, wäre – und mir schiene (!), dass man mit solchen Formulierungen besser bedient wäre. Als Leser wie als Schreiber. Bei letzterem wäre die – mögliche – Widerlegung weniger schmerzhaft (ich weiß, Sebald ist tot) und er (Schreiber) würde (!) vielleicht weniger intensiv nach bloßer Bestätigung seiner These suchen. Denn es wäre ja nicht ganz so schlimm, wenn sie falsifiziert würde, hätte man zuvor nicht mit Pauken und Trompeten behauptet.

s.

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