Walter Benjamin: Berliner Kindheit um Neunzehnhundert / Berliner Chronik

Benjamins Erinnerung an das Berlin seiner Kindheit und Jugend.

Benjamin ist 1892 in einer wohlhabenden, jüdischen Grossbügerfamilie zur Welt gekommen. Seine Kindheit war im Grossen und Ganzen offenbar eine sehr behütete. Sie schildert er in Berliner Kindheit um Neunzehnhundert. Um es gleich vorweg zu nehmen: Ich habe selten bessere Kindheitserinnerungen gelesen. Benjamin gelingt es, die kindlichen Erinnerungenn so stehen zu lassen, wie sie sich im Gedächtnis des Erwachsenen befinden. Solitäre, oft rätselhaft. Das Kind Benjamin muss ein sehr visuell veranlagter Mensch gewesen sein. Benjamin schreibt in kurzen Kapiteln, deren Aufhänger fast immer eine visuelle Erinnerung ist, um die herum er weitere Erinnerungen oder kleine, kindliche Erlebnisse gruppiert. In dieser Hinsicht also stellt er sich in (bewussten?) Gegensatz zum Ich von Prousts A la recherche du temps perdu, das sich bekanntlich vor allem und zuerst über den Geruch erinnert. Da Benjamin – auch hier im Gegensatz zu Proust – jede Kommentierung der Erinnerungen vermeidet, wirken sie äusserst authentisch. Da er daneben aber vermeidet, in einer kindlichen Sprache zu schreiben, sondern die Sprache des Erwachsenen verwendet, eine unaufgeregte, saubere Sprache, wirken diese Erinnerungen trotzdem nicht simpel. Rundum gelungen also, wenn auch nie vollendet …

Die Berliner Chronik schliesst im Grossen und Ganzen dann zeitlich an die Kindheit an. Die Sprache ist komplexer, auch fängt Benjamin hier an, seine Erinnerungen zu kommentieren. Das entspricht wohl dem Zustand seines Alter Ego, das ja nun, als Gymnasiast, Abiturient und junger Student ebenfalls über sich und die Welt nachzudenken beginnt. Auch die Sexualität, in der Kindheit bloss angedeutet, beginnt eine – wenn auch zaghaft angedeutete – Rolle zu spielen. Sicher weniger gelungen wie die Kindheit, aber noch immer interessant.

Fazit: Wer sich für Impressionen aus dem Berliner Grossbürgertum um 1900 interessiert, kommt um Benjamins Erinnerungen nicht herum, gerade und weil vieles darin unreflektiert und unhinterfragt stehen bleibt. So unreflektiert und unhinterfragt, wie wohl die meisten – damals wie heute – ihr Leben halt so leben.

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