+ + + Abgebrochen: Ann Radcliffe + + +

Ich will ja nicht den Eindruck erwecken, als ob ich alle Lektüre, die ich beginne, auch fertig läse. Zwar entwickelt man mit der Zeit eine Art Siebten Sinn, welche Lektüre einem zusagt und welche nicht. Und die Horrorgeschichten des 18. und 19. Jahrhunderts sind für den heutigen Leser, für mich jedenfalls, immer ein bisschen grenzwertig. (Ann Radcliffe lebte von 1764 bis 1823; das von mir jetzt abgebrochene Buch The Mysteries of Udolpho erschien 1794.) Lewis und Walpole habe ich geschafft – v.a. Walpole fand ich ja sogar äusserst witzig. Aber nun ist es wieder einmal passiert: Ich habe Anne Radcliffes The Mysteries of Udolpho abgebrochen. Wochen-, ja monatelang habe ich gehofft, den Zugang zum Buch noch zu finden. Im Abstand von zwei oder drei Wochen habe ich immer wieder mal ein Kapitel gelesen. Eigentlich waren diese Kapitel dann so schlecht auch nicht. Aber, und das ist das Problem dieses Monsterromans: Radcliffe kommt nicht in die Gänge.

Schon Matthew „Monk“ Lewis stellte mich mit seinem bedeutend kürzeren Werk The Monk vor ähnliche Schwierigkeiten. Lewis‘ Problem war, dass er in einer Rückschau Dinge erzählte, die den Leser nicht interessieren konnten, weil er durch die einführenden Passagen schon genau darüber informiert war, wie die Entführung der Geliebten ausgehen würde – nämlich schlecht. Gedacht als psychologische Motivation der Handlungen der „Bösen“, war das Ganze nurmehr langweilig. Aber The Monk ist kürzer und nachdem dieser Rückblick vorbei ist, geht die Geschichte flott voran.

Anders Radcliffe. Nach etwas über 100 von 875 Seiten (!) immer noch keine Spur vom Bösewicht. Wir lernen eine Familie kennen, deren Schicksal es ist, dass auf den ersten 100 Seiten zuerst die Mutter, dann der Vater, an einer schwindsuchtähnlichen Krankheit sterben. Die morbide Faszination, die die  Schwindsucht in der Romantik ausgeübt hat, ist ja höchst seltsam. Aber Frau Radcliffe schildert die Krankheit mit der Trockenheit eines Arztes und konzentriert sich statt auf die Sterbenden auf die Tränen der Hinterbliebenen. Denn der Tod der Mutter ist zu beweinen, weil sie natürlich die Güte in Person war – ein Glanzstück ethisch-moralischer Vollkommenheit. Als eine Art Trauerarbeit macht sich der Rest der Familie auf eine Reise durch die Pyrenäen nach Südfrankreich. Man lernt unterwegs einen jungen Mann kennen – ein Glanzstück ethisch-moralischer Vollkommenheit – und selbstverständlich verlieben sich die jungen Leute in aller Dezenz ineinander. Dann stirbt auch der Vater an derselben Krankheit wie die Mutter und wird noch im Sterben als ein Glanzstück ethisch-moralischer Vollkommenheit präsentiert. Die Tochter – auch sie natürlich ein Glanzstück ethisch-moralischer Vollkommenheit – bleibt allein zurück. Und hier habe ich dann abgebrochen.

Mit andern Worten: Auf den ersten 100 Seiten lauter langweilige Leute – Leute, die nicht nur stinklangweilig sind, sondern deren Langeweile auch noch derart hölzern beschrieben ist, dass es dem Leser schwer fällt, für diese Marionetten Sympathie zu empfinden. Überhaupt etwas zu empfinden. Dazu die üblichen Versatzstücke des Schauerromans: Der Vater, der vieles wüsste, seiner Tochter aber nichts mitteilt, bzw. die nur auf irgendwelche Dokumente in irgendeinem alten Büromöbel verweist. Ich vermute: Hätte er gesprochen, hätte sich Frau Radcliffe die restlichen 700 Seiten des Romans sparen können.

H. P. Lovecraft erwähnt auch Ann Radcliffe in seiner Ahnengalerie des „Supernatural Horror“. Zu Recht? Ihr Udolpho wurde m.W. seit geraumer Zeit nicht mehr ins Deutsche übersetzt. Zu Recht. Eines allerdings kann die Autorin: Landschaften. Ihre Schilderungen der Aussichten von den Pyrenäen hinunter ins Tal sind atemberaubend. Zugegeben, auch völlig unrealistisch. Selbst bei trockenster Witterung wäre es wohl kaum möglich, praktisch von der Atlantikküste an die Mittelmeerküste hinunter blicken zu können. Ann Radcliffes Landschaften sind das literarische Gegenstück zu denen von Caspar David Friedrich. Ein Zeitgenosse – wen wundert’s?

Ich werfe das Buch noch nicht weg. Vielleicht bekommt es – irgendwann – nochmals eine Chance…

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