Jean Paul: Die unsichtbare Loge / Schulmeisterlein Wutz

Jean Pauls frühes Werk Die unsichtbare Loge blieb – leider oder zum Glück? – unvollendet, was es schwierig macht, etwas darüber zu schreiben. Es ist Jean Paul at his worst: Beim Meister der Digression wird hier die Digression Meister über ihn. Die Story ist verworren, die Charaktere sind unausgefeilt. Kein Wunder, hat Jean Paul irgendwann abgebrochen. Dennoch findet der Leser schon in diesem Werk schöne Perlen Jean Paul’scher Erzählkunst. Wie der Rittmeister und absolute Schachbanause seine schachtechnisch weit überlegene, und dazu vom noch besseren Vater unterstützte Geliebte im Schach besiegt (was die märchenhafte Bedingung dafür ist, dass eine Werbung um das Mädchen angenommen wird), ist mit typisch Jean Paul’scher Ironie und Menschenliebe beschrieben.

Im übrigen überwiegen die „hohen, reinen“ Charaktere, auf die Jean Paul auch später noch, z.B. im Titan, grossen Wert legen wird. Die zerrissenen hingegen bleiben im Hintergrund. Jean Paul bleibt unklar, sentimental, ja larmoyant. In den zwei ausgeführten Teilen erfährt der Leser nicht einmal, was es mit dieser „unsichtbaren Loge“ auf sich haben könnte. Nicht die kleinste Anspielung wird gemacht. Wenn Höllerer und Ueding vermuten, dass der Held des Romans, Gustav, der am Ende des Fragments im Ausland verhaftet wird, dies wird, weil er Mitglied eines Geheimbundes ist bzw. dessen verdächtigt wird, so ist das zwar eine interessante Konjektur, eine Basis im Text ist dafür nicht zu finden.

Sentimental und z.T. wohl auch larmoyant, bedeutend besser gelungen, ist der viel bekanntere und bedeutend mehr gelesene Anhang zur Unsichtbaren Loge: Leben des vergnügten Schulmeisterlein Maria Wutz in Auenthal. Der Anhang ist nur lose mit der Unsichtbaren Loge verbunden: Der Erzähler der Loge, der Assessor Jean Paul, lebt eine Zeitlang beim Sohn von Maria. Wutz ist der Simplicissumus, den kein Krieg aus seiner idylle aufgestört hat, und der sich an den kleinen Dingen des Lebens freuen kann. Er weiss sich zu arrangieren. Wenn andere mit ihrem Schicksal hadern würden, das ihnen nicht erlaubt, die interessanten Neuerscheinungen der Buchmessen zu kaufen – Wutz weiss sich zu helfen und schreibt sich diese Bücher halt selber. Doch Jean Pauls Idylle hat auch eine hinterhältige Seite parat: Wutz, der sich sein Leben lang unter widrigen Umständen immer auf etwas freuen konnte – beim Aufstehen aufs Frühstück, später aufs Mittagessen, dann aufs Abendessen und sowieso immer aufs Zu-Bett-Gehen – im Alter und kurz vor dem Tod, da freut er sich nicht etwa aufs jenseitige Leben, wie wir das von einem Christenmenschen seiner Zeit erwarten würden. Wutz hat keine Zukunft mehr, auf die er sich freuen kann. Also freut er sich „rückwärts“, holt seine Kinderspielsachen hervor und freut sich des Kindes, das er einmal gewesen ist.

Summa summarum: Die unsichtbare Loge würde ich nur dem Jean-Paul-Freak empfehlen; Leben des vergnügten Schulmeisterlein Maria Wutz in Auenthal könnte durchaus einen Einstieg in Jean Pauls Welt darstellen (Friedrich Hebbel meinte, dieses Werk umfasse den „ganzen Succus des echten Jean Paul“).

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