Wilhelm Genazino: Die Vernichtung der Sorgen

D.i. Bd. 2 d. sog. “Abschaffel-Trilogie”.

Und dieser Band schliesst nahtlos an die Geschehnisse von Band 1 an. Soweit man eben bei den Romanen von Genazino von “Geschehnissen” sprechen kann. Zu Beginn der Vernichtung der Sorgen hat also der kleine Frankfurter Angestellte Abschaffel noch seine gerade erworbene Freundin, Margot. So kommt der Leser nochmals in den Genuss von Beschreibungen der Sexual-Praktiken der beiden. Wie schon im ersten Band, hätte ich auch beim zweiten gewünscht, dass sich der Autor da ein bisschen zurück gehalten hätte.

Nun, lange hält die Beziehung allerdings nicht vor. In mehr als epischer Länge schildert Genazino die Szene, in der die Beziehung auseinanderbricht. Es ist, wie wenn man Lava zuschaut, die langsam, ganz langsam aus einem Krater fliesst. Und während sie noch in Fluss zu sein scheint, verhärtet sie sich schon. So auch jener Abend, als Margot wieder einmal bei Abschaffel ist. Eigentlich machen sich die beiden bereit für eine weitere Liebesnacht. Ein, zwei ungeschickte Bemerkungen beiderseits aber führen die Wende herbei. Abschaffel fühlt sich gekränkt, dann beleidigt. Er verkriecht sich in ein (typisch männliches?) Schweigen, das nun seinerseits auch Margot kränkt. So schaukelt sich das ganz langsam hoch, bis sich dann Margot wortlos wieder anzieht und geht. Es sollte das letzte Mal gewesen sein, dass er sie sieht. Später erfährt er auf Umwegen, dass Margot aus Frankfurt wegziehen wird.

Diese Szene war für mich der Mittel- und der Höhepunkt der Vernichtung der Sorgen. Die akribische Beschreibung der einander folgenden Gedanken und Gefühle Abschaffels sind von einer erschreckenden Präzision und Realität. Man(n) erkennt sich selber darin, beim letzten Streit mit der Geliebten, der Freundin, der Gattin. Das wird allerdings wohl nicht immer so eskalieren wie bei Abschaffel. Wie ich überhaupt den Realismus von Band 2 etwas anzweifle. Weniger, weil die Beziehung zwischen Abschaffel und Margot so rasch endet, weniger, weil Abschaffel – einfach so, wohl, um sich an Margot und an seinem Arbeitskollegen zu rächen – sehr aktiv und hinterhältig die Frau des besagten Kollegen verführt und vernascht, während der Kollege mit andern Kollegen den Geburtstag einer weiteren Kollegin feiert. (Obwohl mir Abschaffel da viel zu aktiv vorkommen will.) Nein, es ist vor allem wegen Abschaffels Erkrankung.

Abschaffel nämlich wird krank. Eines Morgens, wie er aufstehen und zur Arbeit gehen will, hält ihn ein fürchterlicher Schmerz im Rücken für Stunden im Bett gefangen. Wir erinnern uns aus Abschaffel: Der Mann ist Anfang 30. Der Arzt diagnostiziert eine “schwere Osteoporose”, eine Krankheit, die, wie die Ärzte selber zugeben, eigentlich untypisch ist – untypisch sowohl für sein Geschlecht wie für sein Alter. Hierin nun vermag ich Genazino nicht zu folgen. In Band 1 lernten wir einen typischen, durchschnittlichen Angestellten kennen. Das einzig Untypische an Abschaffel ist seine genaue Beobachtungsgabe und die Fähigkeit, aus seinen Beobachtungen völlig abstruse Schlüsse zu ziehen, oft gerade noch so an der Grenze zu dem, was eine Einlieferung in eine psychiatrische Klinik nötig machen würde. Und nun diese nicht zu Abschaffel passende, nicht zu ihm gehörende Krankheit. Ich verstehe den inhaltlich-gestalterischen Grund zu dieser Erkrankung so wenig, wie die Ärzte im Roman den physischen Grund bei Abschaffel. Die Erkrankung hebt Abschaffel aus der Masse hervor, und wenn auch nur ein klein wenig, während er bis anhin ein vollständig durchschnittliches Ebenbild dieser Masse war.

Was ich im übrigen auch nicht verstehe, ist der Grund bzw. der Hintergrund für die Wahl des Titels: Abschaffels Sorgen sind höchstens insofern vernichtet, als dass er nun arbeitsunfähig geschrieben ist und sich am Ende dieses zweiten Teils zum Aufbruch in den Kuraufenthalt bereit macht.

Alles in allem scheint auch die Hochgebirgsliteratur bei Trilogien daran zu kranken, dass der Mittelteil schwächer ist als der erste. Meist ist er der schwächste von allen dreien, und so schaue ich im Moment noch recht unbesorgt voran. Allerdings vermute ich, dass, wenn Die Vernichtung der Sorgen mein erster Genazino gewesen wäre, dem kein zweiter gefolgt wäre…

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Ein Kommentar zu Wilhelm Genazino: Die Vernichtung der Sorgen

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