Otto Julius Bierbaum: Die Yankeedoodle-Fahrt und andere Reisegeschichten. Neue Beiträge zur Kunst des Reisens

Otto Julius Bierbaum (1865-1910) gehört zur Gattung jener Literaten, die man mit dem Spitznamen „clair-obscur“ bedenken könnte. Nicht völlig in Vergessenheit geraten und doch nicht wirklich bekannt. Neuauflagen von einigen seiner Werke erfolgen von Zeit zu Zeit, aber ich habe den Eindruck, dass sie meist sehr rasch im Neuantiquariat bzw. auf dem Remittenden-Tisch enden. Dabei schreibt er wirklich so übel nicht, wenn ich ihn auch nicht wie mein Moderatorenkollege im Forum gleich mit Heinrich Mann auf eine Stufe stellen würde.

Wirklich langfristigen Erfolg hatte wohl nur Bierbaums Pinocchio-Adaption Zäpfel Kerns Abenteuer, das m.W. vor allem in der ehemaligen DDR viel gelesen wurde. Dabei war Bierbaum ein Vielschreiber, der auch viele Genres bediente. Schon zu Lebzeiten muss das die Kritiker irritiert haben; Bierbaum macht sich selber lustig darüber, dass ihn die einen als Lyriker sehen, der nebenher Romane schreibt, während die anderen dem Romancier übel nehmen, dass er auch Gedichte absondert. Mag sein, dass diese Volatilität des Autors sogar seinen Nachruhm beeinträchtigt. Heute allerdings kennt den Lyriker Bierbaum wohl keiner mehr. Neben Zäpfel Kern und seinem Roman Prinz Kuckuck sind es wohl seine Reiseschilderungen, die am besten überlebt haben. In diesen Reiseberichten zeigt sich Bierbaum oft und gern von seiner satirischen Seite. Er ist ein guter Beobachter, wenn es darum geht, die Schwächen seiner Mitmenschen zu sehen und sie zu karikieren. Es spricht für ihn, dass er auch sich selber nicht ausnimmt.

Bierbaum war zu Lebzeiten so etwas wie ein Bestsellerautor. So ist das knappe 500 Seiten starke Büchlein, das den obigen Titel trägt, bereits 1910 in der 4. Auflage bei Georg Müller in München erschienen. Dies, nachdem die 1. Auflage gerade mal 1909 stattfand. Das Büchlein vereinigt fünf Reiseberichte, oder sager wir besser: einen Reisebericht umrahmt von je zwei kleinen Reisevignetten. Die ersten beiden (Von Fiesole nach Pasing und Blätter aus Fiesole) sind lockere, heitere Anekdoten von seinen Aufenthalten in Fiesole, von seinen Reisen dahin. Bierbaum pflegt darin ein bisschen das Vorurteil des schlauen und doch gutmütigen italienischen Landmanns und des ihm dann doch überlegenen deutschen Intellektuellen. Das sei ihm verziehen, denn die Vignetten sind allerliebst und letztendlich zeigen sie doch die Liebe des Deutschen zum so ganz anders gearteten Italien. (Oder zumindest zum so ganz anders empfundenen Italien. Der Deutsche und Italien – das ist wohl nicht erst seit Goethe ein brennendes Thema. Und Bierbaum war mit einer Italienerin verheiratet.)

Die beiden den Schluss bildenden Vignetten (Eine kleine Herbstreise im Automobil und Kleine Reise) sind schwächer. Die Herbstreise führt den Autor zwar nach Italien, aber eigentlich nur, um sich dafür stark zu machen, dass das Südtirol (das er nicht beim Namen nennt) „deutsch“ zu bleiben hat und keineswegs „italienisch“ ist. Ich hätte lieber den früher entstandenen Bericht seiner ersten Automobil-Reise gelesen; immerhin war Bierbaum der erste, der den Gotthardpass mit dem Auto überquerte. Die kleine Reise ist dann eine Bahnreise von München nach Regensburg und zurück, wo Bierbaum vor allem seine komischen Abenteuer in diversen Hotels schildert.

Somit zum zentralen und bekanntesten Text. Bierbaum und seine Frau unternehmen eine Kreuzfahrt im Mittelmeer. Nun war der Massentourismus schon 1909 in allen mediterranen Ländern zum Alltag geworden, und die beiden versuchen ja auch nicht ernsthaft, da auszubrechen. Dennoch oder gerade deswegen wird Bierbaum immer wieder seinen karikierenden Stift zücken und seine Mitreisenden (vorwiegend Deutsche und US-Amerikaner) schildern. Auch die Einheimischen werden nicht verschont. Auch wenn Bierbaum eher amüsiert und fast liebevoll über die Manie der Ägypter / Araber / Beduinen schreibt, immer und überall Bakschisch zu verlangen: Dem heutigen Leser bleibt bei diesen Schilderungen ein ungutes Gefühl zurück. Ein ungutes Gefühl hinterlassen auch Bierbaums Exkursionen in die Tagespolitik. Er sieht oder spürt zwar sehr richtig, dass das Deutsche Reich von 1909 mit aller Macht und sehenden Auges in einen militärischen Konflikt mit Grossbritannien steuert, und eigentlich missbilligt er Krieg – aber so ganz geht der deutsche Patriotismus auch nicht an ihm vorbei. Er scheint durchaus die Meinung zu vertreten, dass Deutschland die Stellung einer Grossmacht zukomme und das Deutsche Reich diese allenfalls mit Gewalt zu erobern habe. Dass diese Zwiegespaltenheit so offen zum Ausdruck kommt, macht dem Menschen Bierbaum sicher alle Ehre, und sein früher Tod hat dann auch verhindert, dass er klarer Stellung nehmen musste, ich vermute aber, dass sie auch einen Nachruhm als Schriftsteller verhindert. Bierbaum konnte im Allgemein-Menschlichen so satirisch sein wie der nur wenig jüngere Heinrich Mann, wie die schon fast eine Generation jüngeren Tucholsky und Kästner – im Politischen lavierte er bestenfalls oder war wohl wirklich ein Verfechter der Grossmachtsphantasien des Deutschen Reichs.

Ähnlich lavierend erlebt man auch den Touristen Bierbaum. Selten bricht er aus den der Masse der Passagiere der Yankeedoodle (so nennt er das Kreuzfahrtschiff) vorgegebenen Pfaden aus, obwohl er sich immer wieder darüber lustig macht und sich über seine eigene diesbezügliche Schwachheit ärgert. Er ärgert sich darüber, dass er Land und Leute nicht sehen kann, weil er immer nur mit den richtigen Einstellungen seiner „Kodak“ beschäftigt ist. Und dennoch photographiert er laufend. (In meinem Buch sind denn auch einige seiner Bilder eingefügt worden.) Er ist ein scharfer Beobachter – auch seiner selbst. Aber er kann aus den Beobachtungen keine Schlüsse ziehen, die über Stereotypes hinausreichen. Er ist mit einer Italienerin verheiratet, und kann sich doch im Grossen und Ganzen einer herablassenden Haltung gegenüber allen mediterranen Völkern nicht enthalten. Er zitiert Geibels „Am deutschen Wesen mag die Welt genesen“ und mag den darin enthaltenen Sinn durchaus nicht, aber die deutsche Grossmachtspolitik findet in ihm doch einen zumindest stillen Befürworter.

Clair-obscur. Aber, wie sagte er selber: „Humor ist, wenn man trotzdem lacht.“ Der Satz geht tatsächlich auf Bierbaum zurück, und er soll ihn als Motto für seine Yankeedoodle-Fahrt verwendet haben. (In meiner Ausgabe fehlt er als Motto, steht aber im Text.) Und man kann bei Bierbaums Beschreibungen durchaus auch noch heute lachen. Der Massentourismus findet nämlich auch heute, 100 Jahre später, noch genau so statt wie zu Bierbaums Zeiten.

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