Henry David Thoreau: Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat

Von Ralph Waldo Emerson ist der Ausspruch überliefert, dass in den 40iger Jahren des 19. Jahrhunderts jeder des Lesens und Schreibens Kundige einen Entwurf für eine neue Gesellschaft in seiner Brusttasche trug. Unter diesem Aspekt ist auch der vorliegende Aufsatz Thoreaus zu sehen, die Idee zu einem neuen, einem besseren – im Idealfall gar keinen Staat. Thoreau, der den Versuch eines abgeschiedenen, autarken Lebens unternahm, wegen seiner Weigerung, Steuern für einen ihm verbrecherisch erscheinenden Staat zu bezahlen, eingesperrt wurde, träumt von einer neuen Form des Zusammenlebens, in dem eine übergeordnete Lenkung sich als nicht notwendig erweist.

Aber – er träumt. Solche Ideengebäude pflegen nett zu sein, erstrebenswert und hübsch anzusehen, sie ermangeln aber des Kontaktes mit der Wirklichkeit. Man schließt von sich auf andere (und ich halte Thoreau für einen durchaus ehrlichen, integren Charakter), man glaubt an das Gute im Menschen und an den Moloch gewordenen Staat. Aber es bleibt doch nur schwammige Begrifflichkeit, realitätsferne Idealisierung des „gemeinen Volkes“ und insgesamt ein messianisches Unterfangen, dessen Umsetzung in den Bereich der Utopien verwiesen werden muss. So bedient sich Thoreau des „Gewissens“, das doch jedem Menschen eigne und bei entsprechender Handhabung den einzelnen daran hindern würde, Böses zu tun. Und er setzt diese Funktion der persönlichen Skrupel den Gesetzen entgegen, deren Befolgung aus eigentlich gutmütigen Staatsbürgern willfährige Soldaten und Befehlsempfänger machen würde.

An anderer Stelle wird dieses so strapazierte Gewissen durch Gott oder „Überzeugungen“ ersetzt – und natürlich: Man weiß, er meint es gut. Das allein aber reicht nicht aus für die Begründung moral- oder staatsphilosophischer Entwürfe; Überzeugungen nennt sowohl der SS-Mann als auch der Widerstandskämpfer im Dritten Reich sein eigen – und Gott ist ohnehin der weltweit am häufigsten bemühte Grund dafür, dem anderen den Schädel einzuschlagen. Und so versanden Thoreaus Vorschläge und Ideen in Belanglosigkeit, münden in einem „wenn der Mensch gut wäre, bräuchte man keine Gesetze“, werden zu aussagearmen Selbstverständlichkeiten, platten Sentenzen. Weder liefert er eine stringente Analyse des menschlichen Verhaltens, noch kann er mit praktikablen Lösungsvorschlägen dienen. Dass man ihm sehr oft Recht zu geben geneigt ist, liegt einzig daran, dass auch der Leser sich eine bessere Welt wünscht.

Natürlich stimmt man zu, wenn er immer wieder die Staatsmacht, deren Willkür und Selbstgefälligkeit kritisiert, kommt aber nicht umhin, die Abschaffung derselben als ein wenig naiv zu betrachten. Allen seinen Aussagen drängt sich ein „ja aber“ auf, ein Hinweis auf die eher mediokre moralische Ausstattung des homo sapiens – und man möchte Thoreau darauf hinweisen, dass auch dieser Machtapparat von solchen Menschen geschaffen und benutzt wird, die in ihrem Verhalten ein Spiegelbild des einfachen Volkes sind. Staats- und Rechtssystem entstehen aus der moralischen Unvollkommenheit des Individuums; die Tatsache, dass das System selbst oft unmoralisch agiert, sollte nicht zu der Überlegung Anlass geben, das System abzuschaffen, sondern es mit allen Mitteln zu verbessern. Denn wenn es auch wünschenswert wäre: Der gute Mensch ist nicht erst seit Rousseau eine Schimäre.
s.

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