Robert E. Howard: Conan

Es ist bald 100 Jahre her, dass Conan der Cimmerer die Bühne der Weltliteratur betreten hat. Wobei mir wohl so mancher die Begriffe „Welt“ und „Literatur“ bestreiten würde. Tatsächlich handelt es sich bei keiner der Geschichten um Conan um welche, die der „Hochliteratur“ (wie immer man sie definieren mag) anzugehören den Ehrgeiz haben. Tatsächlich ist Conan ein Kind jener „Pulp Fiction“, die so typisch für die US-amerikanische Kultur der Grossen Depression ist: Billige Heftchen mit reisserischen Titeln und aufreizenden Zeichnungen auf der vorderen Umschlagseite. Literarisches Kurzfutter, geschrieben von jungen Leuten auf der Suche nach grösseren und besseren Verlagen, gelesen von pubertierenden Jünglingen und Schreibtischhengsten, die wenigstens in der Mittagspause oder am Abend vor dem Zu-Bett-Gehen noch etwas erleben wollten. Wenn auch nur in der Phantasie. Dabei ist Howard zu Gute zu halten, dass er im Grossen und Ganzen mit „Weird Tales“ vielleicht noch das Beste dieser Schundheftchen als Veröffentlichungsbasis benutzte; „Weird Tales“, in dem auch der mit ihm befreundete H. P. Lovecraft publizierte.

„Phantasie“ – Fantasy – ist denn auch das nächste Stichwort. Conan wirkt in einer Phantasie-Welt, die es etliche tausend Jahre vor der Existenz unserer gegenwärtigen Welt gegeben haben soll. Howard hat sich sehr detaillierte Gedanken gemacht über die Völker, ihre Eigenschaften, ihre Religion, ihre Geschichte. In dieser Hinsicht ein Geistesverwandter von Tolkien. Allerdings beruhen Howards Völker viel mehr auf aktuell existierenden Völkern der Gegenwart und jüngsten Vergangenheit: Gälisch angehauchte Völker tauchen genauso auf wie Chinesen, Indianer, Azteken, Schwarze etc. Conan ist ein Cimmerer, ein Angehöriger eines Volksstammes, der aus dem Norden in den Süden gedrängt wird. Er ist ein Einzelgänger, nie erleben wir ihn im Schosse seines Volkes, auch wenn er sich immer wieder voller Stolz einen Cimmerer nennt. (Als „Barbaren“ betitelt er sich nie. Andere tun das, ja. Conan selber nennt allenfalls sein Volk ein Volk von Barbaren. Immer allerdings ist er dann stolz darauf, einem Barbarenstamm anzugehören. Auch der Autor nennt seinen Helden nirgends einen Barbaren. Seine Reaktionen, seine Instinkte, sein Körperbau sind allenfalls „barbarisch“. Auch hier ist der Begriff immer positiv gemeint.)

Die Geschichten um Conan ähneln sich alle: Conan gerät in eine Gegend voller unheimlicher Vorkommnisse und muss sich – und meist auch eine junge Dame – daraus befreien. Dabei helfen ihm seine starken Arme, sein Schwert und eine bei allem Barbarentum und bei aller Simplizität doch recht gut entwickelte Intelligenz. (Zumindest reicht seine Intelligenz problemlos an die seiner Gegner heran.) So besiegt er Dämonen, Götter und menschliche Widersacher. Dabei werden die Schlächtereien (abgehauene Gliedmassen, heraushängende Gedärme etc.) recht explizit beschrieben, die sexuellen Geschehnisse aber nur sehr verschleiert angedeutet.

Man hat die Geschichten um Conan als faschistisch bezeichnet. Der Autor selber hat sich als Anti-Faschist bezeichnet. Es kommt wohl auf die Definition an. Conan und seine Welt sind ganz sicher dem vulgären Verständnis des Darwinismus unterworfen. Der Stärkere – und das ist hier immer der körperlich Stärkere – siegt. Er kriegt das Königreich und er kriegt das Weibchen. Obwohl in Ansätzen starke Frauenfiguren existieren, unterliegen sie letztendlich alle dem Übermenschen Conan. Zivilisation sei letztlich nur ein Irrweg des Menschen, das einzig Wahre sei das Barbarentum – so wird sich eine der Figuren einmal äussern. (Nicht Conan übrigens, der würde über solche Dinge nicht nachdenken.) Und es ist wohl kein Zweifel daran, dass damit die Botschaft der Geschichten um Conan zusammengefasst werden kann. Conan stellt eine andere Form des „edlen Wilden“ Rousseau’scher Provenienz dar. Er ist bei aller Schlächterei ein ethisch höher stehendes Wesen als die meisten der zivilisierteren Figuren, auf die er trifft. Das mag erklären, warum er – vor allem in den USA – bis heute einen Bekanntheitsgrad hat, der nur noch von jenem andern edlen Pseudo-Wilden übertroffen wird, den die Trivialliteratur hervorgebracht hat: Tarzan.

 

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