Albert Vigoleis Thelen: Die Insel des zweiten Gesichts. Aus den angewandten Erinnerungen des Vigoleis

Thelens Werk gilt als Schibboleth der Kenner neuerer deutscher Literatur, der Literatur der Nachkriegszeit. Leider, denn dem Werk wäre ein grösseres Publikum zu wünschen. Vor allem auch: zu wünschen gewesen zu Lebzeiten des Autors. Doch Thelen hatte das Unglück der damals tonangebenden Gruppe 47 zu missfallen.

Roman? Autobiografie? Autobiografischer Roman? Wohl am ehesten letzteres. Wir schreiben das Jahr 1931. Vigoleis (d.i. der Autor bzw. der Ich-Erzähler) reist mit seiner Freundin Beatrice, einer Schweizerin, Knall auf Fall nach Mallorca, weil ein Telegramm von Beatricens Bruder eingetroffen ist, wonach er im Sterben läge. Es erweist sich, dass Zwingli (so wird der Bruder genannt) keineswegs im Sterben liegt. Allerdings ist er ein bisschen erschöpft und ausgemergelt, weil seine mallorquinische Freundin sex-besessen ist, und der gute Schweizer ihren Ansprüchen kaum oder nicht mehr Genüge tun kann. Vigoleis und Beatrice bleiben dennoch – nur für ein paar Tage, wie sie meinen – in Mallorca, zuerst als Gast Zwinglis, dann, als es sich erweist, dass einerseits Zwingli die Gutmütigkeit und den relativen Wohlstand seiner Schwester dahingehend ausnützt, sie seine nicht wenigen Schulden begleichen zu lassen, andererseits Zwinglis Geliebte einer zusätzlichen Affäre mit Vigoleis nicht abgeneigt wäre, Vigoleis als schwacher Mann sowieso nicht widerstehen könnte, was Beatrices Eifersucht befeuert – dann also beschliessen sie, zwar auf Mallorca zu bleiben, aber von Zwingli wegzuziehen.

Es beginnt eine pikareske Reise durch die Insel. Wir folgen dem Pärchen von Pension zu Pension, von Absteige zu Absteige. Die Unterkünfte der beiden werden immer billiger, immer anrüchiger. Irgendwann fehlt ihrem Zimmer sogar das Dach, dafür sind ihre Nachbarn Nutten, die den Vorüberreisenden zu Diensten stehen. Solches geht gut, so lange das Wetter schön ist, doch auch Mallorca kennt den Regen: „Den Rest der Nacht verbrachte ich wie eine Klucke sitzend auf meiner Schreibmaschine, um sie vor dem nassen Element zu schützen. Beatrice hockte weggekauert unter dem Kaffernschirm und schlief. Neuer Selbstmord oder zwei nasse Rippenfellentzündungen werden die Folgen des Wolkeneinbruchs in unser Schloß der gottesfürchtigen Unzucht sein. Als der Morgen graute über der Schwemme, stand mein Entschluß fest: hier müssen wir raus, raus aus dem Stall, so schnell wie möglich.“

Thelens Text ist im Grunde genommen weder Autobiografie noch pikaresker Roman, obwohl er von beidem etwas hat. Die Personen, die Vigoleis, sein alter Ego des Textes, auf Mallorca kennen lernt, haben wirklich dort gelebt und Thelen hat sie wirklich kennen gelernt: der britische Schriftsteller Robert Graves, der Kunstsammler und Mäzen Harry Graf Kessler und der Philosoph Hermann Graf Keyserling. Ob die Begegnungen sich allerdings in jedem Fall und in jedem Detail so abgespielt haben, wie sie in der Insel des zweiten Gesichts geschildert werden, wage ich zu bezweifeln. Denn, wie schon der Titel andeutet: Thelen schildert Spiegelungen und Visionen. Spiegelungen eines Till Eulenspiegel, Visionen eines Ungläubigen.

Thelens Schilderung eines Mallorca vor dem Zweiten Weltkrieg, gerade so um die Zeit der Machtübernahme Francos in Spanien, dann Hitlers in Deutschland, fasziniert. Das mittellose Pärchen, das sich mit Deutschstunden und als Fremdenführer für deutsche Touristen über Wasser hält, hält den Leser irgendwo zwischen Erheiterung und mitleidiger Trauer. Der heiter-pikareske Ton des Anfangs wird gegen Schluss zusehends düsterer, als sich erweist, dass für den dezidierten Anti-Faschisten Vigoleis das Bleiben auf spanischem Boden zu unsicher wird. Vigoleis wirkt nach aussen unbekümmert, aber die beiden tauchen doch unter. Vigoleis wird bereits als tot gemeldet, aber es gelingt dem Pärchen doch noch, nach Portugal zu entkommen. Hier endet der Roman. Wir wissen, dass Thelen und seine Frau  beim portugiesischen Dichter und Mystiker Teixeira de Pascoaes Unterschlupf fanden, der den Vigoleis des vorliegenden Textes ebenso faszinierte wie den realen Thelen und beide zu einer Übersetzung anregte. Der Ungläubige und der Mystiker – es ist eben nicht nur eine Erfindung Thelens für seinen Text. Thelen lebte so etwas.

Ein Text also, dem grössere Bekanntheit jenseits eines Status als Geheimtipp zu wünschen wäre. Und nicht, dass man ihn – so wie ich – als Mängelexemplar auf den Wühltischen eines Neu-Antiquariats finden kann.

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