Gottfried Wilhelm Leibniz: Briefe von besonderem philosophischen Interesse. Zweite Hälfte – Die Briefe der zweiten Schaffensperiode

D.i. Band V/2 der Studienausgabe, die im letzten Jahrhundert bei der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft erschienen ist. Band V/1 ist offenbar nie erschienen. Das ist aus verschiedenen Gründen bedauerlich, vor allem aber, weil es natürlich eine endgültige Beurteilung der Ausgabe und v.a. der Briefauswahl unmöglich macht. Denn vieles fehlt mir nun, von dem ich nicht weiss, ob es eventuell für Band V/1 vorgesehen war, oder ob die Herausgeber der Studienausgabe tatsächlich völlig darauf verzichten wollten. So vermute ich, dass Antoine Arnaud (und ev. auch Descartes – er stand mit beiden im Briefwechsel, wenn ich mich nicht irre) im ersten Teilband hätte figurieren sollen.

Die beiden grossen Abwesenden des Briefwechsels sind aber zwei Engländer. Das mag auch sprachliche Gründe haben – Gottfried Wilhelm Leibniz schrieb elegantes Latein und auch elegantes Französisch, wenn er auf Deutsch schrieb, waren seine Texte dann schon eher krud-barock formuliert, Englisch schien er aber nur rudimentär zu beherrschen. Gut, zu seiner Zeit war Latein noch die Gelehrtensprache, und auch in England war unter Gebildeten praktisch jeder auch des Französischen mehr oder minder mächtig. Das allein hätte also noch kein Hinderungsgrund sein müssen. Dennoch fehlen unter Leibniz‘ Briefpartnern die wohl beiden wichtigsten Antagonisten des Deutschen: Isaac Newton und John Locke. In Bezug auf Isaac Newton bin ich mir gerade nicht sicher; bei Locke weiss ich zufälligerweise, dass die beiden tatsächlich nie in direktem brieflichen Kontakt standen. Locke mit seiner Verachtung scholastischen Denkens dehnte diese seine Verachtung offensichtlich auch auf Leibniz aus, der in vielem – v.a. in seiner Metaphysik – ja tatsächlich als später Nachkomme der Scholastiker anzusehen ist, gerade auch auf dem Gebiet einer logisch-vernünftigen Einbindung Gottes in dieser Welt, einer Theodizee. Nie wäre der Engländer auf die Idee gekommen, eine Theodizee zu verfassen… An dieser Verachtung sollte auch Leibniz‘ Beschäftigung mit Lockes Hauptwerk, dem Essay Concerning Human Understandig, bekanntlich nichts ändern.

Wir finden in Band V/2 folgende Briefpartner: S. Foucher, Ph. J. Spener, A. Verjus, J. Schrader, J. Basnage de Beauval, G. Wagner, die Kurfürstin Sophie, G. F. Des Billettes, Th. Burnet de Kemney, J. Chr. Sturm,  B. de Volder, F. Hoffmann, Königin Sophie Charlotte, B. Des Bosses, M. G. Hansch, P. Des Maizeaux, F. W. Bierling, N. Remond und S. Clarke – in dieser Reihenfolge. Mir war davon nur der Pietist und Prediger Philipp Jacob Spener dem Namen nach bekannt. In Band V/2 finden wir genau einen Brief von Leibniz an Spener, in dem Leibniz im Grunde genommen nur beteuert, dass seine Philosophie, seine wissenschaftliche Tätigkeit auf so vielen Gebieten nur aus Liebe zu Gott und seinen Werken geschehen sei. Der früheste Brief in der Sammlung datiert von 1675 (an Foucher), der letzte von 1716 (an Clarke). Es befinden sich im übrigen nicht nur Fürstinnen und Gelehrte unter den Empfängern von Leibniz‘ Briefen, auch z.B. mit Mechanikern unterhält er sich über physikalische Grundbegriffe.

Wenn an dem Briefwechsel etwas auszusetzen ist, dann ist es die Tatsache, dass durch die doch überwiegende Zahl von theologisch orientierten Briefpartnern der ‚Theologe‘ und Metaphysiker Leibniz sehr stark in den Vordergrund rutscht. Bertrand Russells Feststellung, dass der Logiker Leibniz sich in seinen publizierten Werken bedeckt gehalten habe, weil er fürchtete als allzu radikaler Neuerer auch theologisch und damit politisch verdächtig zu werden, und diese seine Beschäftigung also nur brieflich geäussert habe, lässt sich in Band V/2 nicht verifizieren. Zugegeben, dass ein kleiner, ‚logischer‘ Teil des Briefwechsels bereits im Band zu Leibniz‘ Beschäftigung mit Mathematik und Naturwissenschaften aufgenommen wurde. Dennoch zementiert die Auswahl in diesem Briefwechsel so ziemlich alle Vorurteile gegen Leibniz, die Russell zum Teil bestätigte, zum Teil bekämpfte. Wir finden einen oft vorsichtig lavierenden, immer seine Orthodoxie betonenden Mann, der sich mit den vorherrschenden scholastischen Problemstellungen beschäftigte, allenfalls mal einen Ausflug in die Physik wagte – genau, was Russell ihm vorwirft. In der Physik bekämpft er vor allem Descartes‘ bzw. der Cartesianer Ansichten, auch das Vakuum und das Atom mag er nicht. (Hierin allerdings folgte er führenden Physikern seiner Zeit. Noch war Physik mehr ein Ding des Aufstellens von Theorien denn von praktischen Versuchen zur Verifizierung derselben.) Dagegen sind kaum Spuren zu finden vom genialen Logiker und Mathematiker, den doch Russel mehr als ein halbes Jahrhundert vor Erscheinen meiner Ausgabe wiederentdecken half. Schade.

Alles in allem also ein Band, der die Studienauswahl insofern würdig abschliesst, als dass er die dort generell vorherrschende Beschäftigung mit dem ‚alten‘, ‚klassischen‘ Metaphysiker, dem ‚Erfinder‘ der besten aller möglichen Welten, der prästabilierten Harmonie und der Monade weiter betont und den ‚modernen‘ Leibniz der Logik und der Mathematik zwar nicht unterschlägt, aber nicht so richtig zu würdigen weiss.

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