Johann Georg Hamann: Metakritik über den Purismum der Vernunft

1781 erscheint die Kritik der reinen Vernunft von Immanuel Kant. Das Buch schlägt bei den deutschen Intellektuellen ein wie ein Meteorit. Auch Hamann fühlt sich herausgefordert. Er arbeitet gerade an einer Hume-Übersetzung, sieht nun aber in Kant und Mendelsohn viel wichtigere Ziele seines Philosophierens und schreibt deshalb 1783/1784 an einer Metakritik. Er hält das Werk allerdings für verunglückt und sieht schliesslich von einer Publikation ab.

Herder erbat sich eine Abschrift, die er später an Friedrich Jacobi weitergab. Eine erste Publikation der paar Seiten erfolgte erst nach Hamanns Tod.

Hamann hat mit seinem Text den Begriff der ‚Metakritik‘ geprägt, den später auch Herder übernehmen sollte. Eine ‚Metakritik‘ ist ein Kritik der Kritik, eine Überkritik sozusagen. Damit bezieht Hamann sogleich Stellung. Indem er die Kritik einer Kritik unterzieht, will er deren Standpunkt nicht nur zurückweisen, sondern zugleich erweitern. Hamann beginnt seine Metakritik, indem er Kant mit seinen eigenen Waffen angreift:

„Ein großer Philosoph hat behauptet, »daß allgemeine und abstracte Ideen nichts als besondere sind, aber an ein gewisses Wort gebunden, welches ihrer Bedeutung mehr Umfang oder Ausdehnung giebt, und zugleich uns jener bey einzelnen Dingen erinnert.« Diese Behauptung des eleatischen, mystischen und schwärmerischen Bischoffs von Cloyne, Georg Berkeley, erklärt Hume für eine der größten und schätzbarsten Entdeckungen, welche zu unserer Zeit in der gelehrten Republik gemacht worden.

Es scheint mir zuförderst, daß der neue Skepticismus dem älteren Idealismo unendlich mehr zu verdanken habe als dieser zufällige und einzelne Anlaß zu verstehen giebt und daß ohne Berkeley schwerlich Hume der große Philosoph geworden wäre, wofür ihn die Kritik aus gleichartiger Dankbarkeit erklärt. Was aber die wichtige Entdeckung selbst betrifft: so liegt selbige wohl ohne sonderlichen Tiefsinn im bloßen Sprachgebrauch der gemeinsten Wahrnehmung und Beobachtung des Sensus communis offen und aufgedeckt.“

Die Dinge fügen sich nahtlos aneinander. Schon in seiner Aesthetica in nuce hält Hamann dafür, dass die niedere Erkenntnis, die der Sinne nämlich, jedweder höheren vorangeht, sie im Grunde genommen gar überflüssig macht. Jetzt hält er zusätzlich fest, dass die Erkenntnis der Sinne in der Sprache festgehalten wird. Und schon auf der zweiten Seite des Texts geht Hamann über die Kritik (der reinen Vernunft) hinaus; er liefert nur eine Metakritik im reinsten Sinne des Wortes.

Hamann postuliert drei Phasen der „Reinigung der Philosophie“: Die erste bestand

„in dem theils misverstandenen, theils mislungenen Versuch, die Vernunft von aller Überlieferung, Tradition und Glauben daran unabhängig zu machen.“

Das ist gegen Kant gerichtet, der nicht gesehen hat, dass Vernunft immer situationsgebunden agiert. Eine (Meta-)Kritik, der man prinzipiell nur zustimmen kann.

„Der zweite [misslungene Versuch einer Reinigung der Philosophie] ist noch transcendenter und läuft auf nichts weniger als eine Unabhängigkeit von der Erfahrung und ihrer alltäglichen Induction hinaus – denn, nachdem die Vernunft über 2’000 Jahre, man weiß nicht was? jenseits der Erfahrung gesucht, verzagt sie nicht nur auf einmahl an der progressiven Laufbahn ihrer Vorfahren, sondern verspricht […] jenen […] Stein der Weisen, dem die Religion ihre Heiligkeit und die Gesetzgebung ihre Majestät flugs unterwerfen wird […].“

Dies nun kann nur einer schreiben, der von der intuitiven Möglichkeit einer Gotteserfahrung, also von einem tatsächlich existierenden Gott christlicher Ausprägung überzeugt ist. Das ist Hamanns mystische Seite. Dann aber bringt Hamann etwas völlig Neues – so neu offenbar, dass es von der zeitgenössischen Philosophie völlig übersehen wurde. Ich zweifle, dass selbst Herder, der sich auch sehr mit dem Verhältnis von Sprache und Denken auseinandergesetzt hat, hier Hamann in seiner ganzen Konsequenz verstanden hat. Hamann nämlich fährt fort:

„Der dritte höchste und gleichsam empirische Purismus betrift also noch die Sprache, das einzige erste und letzte Organon und Kriterion der Vernunft, ohne ein ander Creditiv als Überlieferung und Usum. Es geht aber einem auch beinah mit diesem Idol, wie jenem Alten, mit dem Ideal der Vernunft. Je länger man nachdenkt, desto tiefer und inniger man verstummt und alle Lust zu reden verliert.“

Rund 150 Jahre wird es dauern, bis dann ein anderer schreiben wird: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“ Und: „Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache. […] Wir führen die Wörter von ihrer metaphysischen auf ihre alltägliche Verwendung zurück.“

Für Hamann ist klar:

Receptivität der Sprache und Spontaneität der Begriffe! – Aus dieser doppelten Quelle der Zweideutigkeit schöpft die reine Vernunft alle Elemente ihrer Rechthaberey, Zweifelsucht und Kunstrichterschaft, erzeugt durch eine ebenso willkührliche Analysin als Synthesin des dreimal alten Sauerteigs neue Phänomene und Meteoren des wandelbaren Horizonts, schafft Zeichen und Wunder mit dem Allhervorbringer und zerstörenden mercurialischen Zauberstabe ihres Mundes oder dem gespaltenen Gänsekiel zwischen den drei syllogischen Schreibefingern ihrer herkulischen Faust – – „

Damit ist im Grunde genommen alles gesagt. Der Rest der Metakritik erschöpft sich in Wiederholungen oder Invektiven.

Hamann war der erste der Sprachphilosophen. Die Metakritik zeigt, was er an Kant auszusetzen hatte: Nicht die Aufklärung an und für sich, sondern, dass zu wenig Aufklärung, zu wenig in die Tiefe gehenden Analyse des Problems stattgefunden hat. Schon eine sprachliche Analyse des Begriffs ‚Metaphysik‘ z.B. hätte den Philosophen viel unnütze Arbeit und viel Wichtigtuerei erspart. (Hamann seinerseits leistete diese Analyse nur bruchstückhaft. Er fühlte sich mehr als Wegbereiter denn als Vollender, mehr als Prophet denn als Führer in der Wüste.)

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