Jean Paul: Flegeljahre

Mit seinem Roman Flegeljahre von 1804/05 steht Jean Paul wohl auf dem Höhepunkt seiner Kunst. Er orientiert sich nicht mehr am „klassischen“ Kanon der Einteilung eines Romans in Staats- oder Entwicklungsroman, oder nur noch so lax, dass man diese Einteilung für die Flegeljahre getrost vergessen kann. Wohl guckt die Maschinerie des Schauerromans noch ein bisschen hervor in dem seltsamen Testament des Herrn Van der Kabel, das den einen der beiden Helden des Romans, Walt, zum Universalerben einsetzt, sofern er denn verschiedene Bedingungen erfüllt. Diese Bedingungen, bzw. Walts Versuche, sie zu erfüllen, bilden denn auch eines der drei tragenden Gerüste des Romans. Ein zweites ist die Beziehung zwischen den beiden ungleichen Zwillingsbrüdern Walt und Vult. Wenn Jean Paul im Siebenkäs noch einerseits die Beziehung zwischen Siebenkäs und Lenette mit grossem psychologischen Feinsinn anayliserte (und dabei viele psychologische Erkenntnisse des 20. Jahrhunderts vorwegnahm) und andererseits die nicht von Geburt sondern nur physiognomisch-psychischen „Zwillinge“ Siebenkäs und Leibgeber präsentiert, so ist nun in den Flegeljahren die Beziehungskiste auf die Geburtszwillinge Walt und Vult übertragen. Die sich bei Siebenkäs und Leibgeber abzeichnende Trennung zweier komplett unterschiedlicher Befindlichkeiten ist bei Walt und Vult nun definitiv. Walt ist der naive, weltfremde Jüngling, der sein Leben praktisch nur in seinem Heimatdorf, verhätschelt von Eltern und Pflegeschwester, verbracht hat, bevor ihn das Testament in die grosse weite Welt stürzt. Sein Zwilling Vult hingegen ist schon als Vierzehnjähriger von zu Hause ausgerissen und fristet nun sein Leben als fahrender Musikant. (Denn Jean Pauls Trennung der beiden Welten ist durchaus unorthodox: Es ist der Träumer Walt, der den sehr trockenen und irdischen Beruf eines Notars ausübt, und der Zyniker Vult ist zugleich auch ein Musensohn.) Drittes Gerüst des Romans ist – wie könnte es bei Jean Paul anders sein – die Liebe der Protagonisten zu ein und derselben Frau, Wina, katholische Tochter eines protestantischen polnischen Generals.

Mal steht dieser, mal jener Teil des Gerüsts im Vordergrund – vor allem aber die Beziehung der beiden so ungleichen Zwillinge. Auch in diesem Roman wird, wie immer bei Jean Paul, viel geweint, denn grosse Gefühle gehen bei Jean Paul nie ab ohne grosse Tränen. So weinen denn Männer und Frauen, in Freude oder Leid. Vult, der es am wenigsten zeigt, ist wohl der, der am meisten leidet. Das liegt daran, dass am kindlichen Gemüt von Walt (einem genuinen Sohn des Schulmeisterlein Maria Wutz) so vieles abperlt, weil Walt so vieles gar nicht realisiert, während Vult nicht anders kann, als über sich und Gott und die Welt auch immer zu reflektieren.

Der Roman ist unvollendet, er bricht ab, in dem Moment, wo Vult endlich realisiert, dass er und sein Bruder dieselbe Frau lieben und sein Bruder wohl die besseren Karten bei Wila hat. Walt hört die verklingenden Flötentöne des aus der Stadt marschierenden Vult, ohne sich darüber klar zu werden, dass sich Vult musikalisch von ihm verabschiedet hat. Das Ende ist geschlossen genug, um ein Ende zu sein, offen genug für eine Fortsetzung, die Jean Paul durchaus geplant hatte. Dennoch müssen wir heutige Leser wohl dankbar sein, das hier fertig ist. Das Problem der beiden so verschiedenen Charaktere und ihres Buhlens um dieselbe Frau konnte nicht wirklich gelöst werden; dass es in der Schwebe bleibt, passt zum luftigen Charakter von Jean Pauls Roman. Denkbar wäre m.M.n. allenfalls ein tragische Auflösung, doch davor schreckte Jean Paul noch immer zurück, auch wenn er im Verdeckten vielen seiner Charaktere äusserst grausame und tragische Schicksale verpasst hat – man denke an die arme Lenette im Siebenkäs.

Das zeitgenössische Publikum fand in diesem Roman nicht mehr den Jean Paul, den es in früheren Werken gemocht und zum Himmel erhoben hatte. Die Frauengestalten sind hier sehr im Hintergrund gehalten – und Jean Pauls Publikum bestand nun mal aus Frauen, die sich selber in seinen Werken wiederfinden wollten. Aus heutiger Sicht kann ich diesen Roman nur als den vielleicht besten dieses Autors einstufen: Psychologische Feinheit, gelehrt-krudes Rankenwerk, eine (bei aller Tränenseligkeit und Tränenreichtum) weitgehend zurückgenommene Larmoyanz und der offene Schluss machen es zu einer Preziose am Literaturhimmel.

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Ein Kommentar zu Jean Paul: Flegeljahre

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