Ambrose Bierce

Der US-Amerikaner Ambrose Bierce ist hierzulande vor allem für seine Short Stories bekannt. Zu Recht und zu Unrecht. Bierce’ Short Stories möchte ich in drei Kategorien unterteilen.

Zum ersten seine Soldaten-Stories. Bierce hat selber im amerikanischen Bürgerkrieg mitgekämpft, auf föderalistischer Seite. (Die Wunden, die er dabei erlitt, haben ihn offenbar, nebenbei bemerkt, noch sein Leben lang geplagt.) Er wusste, worüber er schrieb, und das merkt man seinen Geschichten an. Bierce war in gewissem Sinn der erste der “Lost Generation”, und, wenn man mir die Bemerkung erlaubt, vielleicht sogar der beste. (Hemingway z.B. hat wohl Bierce’ Technik der Pointe gelernt, aber ihm fehlt jener schwarze Humor, der Bierce’ Geschichten einfärbt und sie gleichzeitig fast gemütlich und damit aber noch schrecklicher macht. Hemingway nimmt den Tod ernst, Bierce das Leben.) Seine wohl bekannteste Erzählung ist An Occurrence at Owl Creek Bridge, die damit beginnt, dass ein zum Tode verurteilter Spion auf der Brücke steht, bereit, auf ihr gehängt zu werden. Den Rest kann man nicht erzählen, ohne die Pointe der Story zu verraten. Doch auch andere Geschichten (z.B. die vom kleinen Jungen, der eine Armee Schwerstverwundeter über einen Fluss führt, ohne zu realisieren, wen er da wirklich führt) sind in ihrem Horror und ihrem Realismus, und in der Art und Weise, wie Bierce sie alle zu einer zynisch-sentimentalen Pointe führt, eindrücklich genug. Ein Horror, der in der Schilderung der Realität gründet, ist wohl der feinste Horror. Viele Geschichten drehen sich auch darum, dass der Bürgerkrieg im wahrsten Sinne des Wortes auch ein Bruderkrieg war; und so findet der Leser zwei Brüder oder Vater und Sohn auf den beiden Seiten der kriegsführenden Verbände. Bierce’ Soldaten-Stories sind absolut empfehlenswert.

Für seine zweite Kategorie gilt das nur noch bedingt. Das sind Geschichten um Gespenster oder merkwürdige Ereignisse, die im zivilen Leben handeln. Da stehen sehr eindrückliche Geschichten (z.B. vom Baby-Tramp) neben eher Beiläufigem. Es sei Bierce zu Gute gehalten, dass er wohl der erste war, der seine Geschichten so konsequent auf eine Schlusspointe hin zugespitzt hat. So wurde Bierce zum Vorbild vieler Horror-Story-Schreiber. Viele von Bierce’ Pointen sind zwar vorhersehbar; aber auch da sei ihm zu Gute gehalten, dass er sehr wohl der erste gewesen sein mag, der sie verwendet hat, und die Langeweile, die der heutige Leser manchmal verspürt, der Tatsache entspringt, dass unterdessen x Imitatoren das Thema und seine Pointe ausgelutscht haben. Dennoch: Die Langeweile dauert meist nur kurz – Bierce’ Geschichten umfassen eigentlich nie mehr als ein halbes Dutzend Seiten, und auf eine schwächere folgt immer wieder eine bessere.

Kategorie 3 sind jene Satiren, die Bierce auf das Presse- und Zeitungswesen verfasst hat. Auch da wusste der Journalist Bierce genau, worüber er schrieb, arbeitete er doch jahrelang für Hearst in San Francisco. Korruption im Pressewesen, der Reporter als blosse Nummer im riesigen Zeitungsbetrieb – das war Bierce wohlbekannt.

Last but not least muss natürlich jenes Werk erwähnt werden, das hierzulande ein bisschen ein Schattendasein fristet, im angelsächsischen Raum aber vielleicht Bierce’ bekanntestes ist: The Devil’s Dictionary (Das Wörterbuch des Teufels). Zynische Aphorismen vom feinsten. Leider – habe ich mir sagen lassen – existiert das Buch zur Zeit nicht in einer Übersetzung im Handel.

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Ein Kommentar zu Ambrose Bierce

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