Peter von Matt: Das Kalb vor der Gotthardpost

„Man kann als Jury nicht viel falsch machen, wenn man einem 75-jährigen emiritierten Professor für Germanistik an der Uni Zürich einen Schweizer Literaturpreis zuerkennt. […] Man kann nicht viel falsch machen. Ausser natürlich: Genau das.“, habe ich damals bei der Verkündigung der Preisverleihung des Schweizer Buchpreises 2012 drüben im Forum geschrieben. Ich bin mir meiner Inkonsequenz durchaus bewusst, hatte ich doch 2010, bei der Verleihung an Melinda Nadj Abonji, moniert, dass einmal mehr ein Erstlingswerk einer jungen Frau in den Himmel gehoben wurde, die einmal mehr das Verhältnis einer jungen Frau zu ihrem Vater, ihrem Elternhaus, literarisch aufarbeite. Und ob diese jungen Frauen nun Gertrud Leutenegger, Zoë Jenny oder eben Melinda Nadj Abonji heissen, spielt im Grunde genommen keine grosse Rolle. Und nun, wo ein älterer Herr gewinnt, ist es mir auch wieder nicht recht…

Dabei, um es festgehalten zu haben, vedient zumindest die erste Hälfte der vorliegenden Essaysammlung den Preis durchaus. Peter von Matt kann Vorgänge beobachten, Zusammenhänge feststellen – und er kann diese beschreiben. Diese erste Hälfte der rund 360 Seiten dieses Buches widmet sich in eigentlich essayistischer Art und Weise Themen rund um die Schweiz, den Schweizer und dessen Befindlichkeit. Die zweite Hälfte befasst sich dann eher mit einzelnen Autoren, geht also in Richtung der klassischen Literaturkritik des Feuilletons; da finden wir auch Texte, die ursprünglich als Vorworte oder Einleitungen zu bestimmten Ausgaben der besprochenen Autoren dienten. Solche Texte haben in ihrer originalen Funktion sicher einen Wert; aus dem Kontext gerissen wirken sie auf mich wie Werbetexte – bzw. wie die üblichen Elogen des Feuilletons auf seine Lieblinge.

Denn Lieblinge hat Peter von Matt durchaus. Neben Schillers Wilhelm Tell sind da vor allem Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt, die der Professor für Neuere Deutsche Literatur an der Universität Zürich natürlich persönlich kannte. So erzählt von Matt davon, wie er und ein weiterer Freund Dürrenmatt davon überzeugen konnten, seinen Nachlass der Eidgenossenschaft zu stiften und so den Grundstein zum Schweizerischen Literaturarchiv zu legen. Des weiteren analysiert von Matt sehr klug die geschichtsphilosophischen Differenzen der beiden als Titanen der Schweizer Literatur des 20. Jahrhunderts geltenden Autoren.

Weitere Autoren, die in einem eigenen Essay behandelt werden, sind Robert Walser, Ulrich Bräker, Arnold Kübler, Otto F. Walter, Adelheid Duvanel, Niklaus Meienberg, Jörg Steiner, Klaus Merz, Gerold Späth, Hansjörg Schneider. Jeremias Gotthelf, Conrad Ferdinand Meyer und vor allem aber Gottfried Keller dürfen natürlich nicht fehlen. (Auch von Matt entgeht der ach so nahe liegenden Falle nicht, zwischen den drei Titanen der Schweizer Literatur des 19. Jahrhunderts von Kasus zu Kasus paarweise Antagonismen zu bilden.)

Daneben werden unzählige weitere Schweizer Autoren irgendwann einmal genannt oder aufgezählt; „names dropping“ im Stile von „den und den Autoren kenne ich im Fall dann auch noch“ ist eine Krankheit vieler belesener Menschen, von der ich mich selber nicht freisprechen kann 🙂 . Auch Kuno Raeber wird erwähnt, wobei allerdings auffällt, dass er dort, wo ich ihn erwartet hätte, im Essay Deutsch in der Deutschen Schweiz, mit keinem Wort erwähnt wird. Dies, obwohl Raeber wie von Matt im Grunde genommen ins selbe Horn stossen – ein Horn, in das auch ich in meinen Texten hier (siehe Der Schweizer und sein Deutsch) gestossen habe.

Teil I aber ist der wirklich interessante Teil der Essaysammlung – jene Texte, in denen von Matt die Schweiz und des Schweizers Befindlichkeit in derselben und in der Welt auslotet. Da ist einmal und vor allem der mit fast 100 Seiten auch längste Text der Sammlung, der ihr auch den Titel gegeben hat, obwohl er selber einen andern trägt: Die Schweiz zwischen Urprung und Fortschritt. Zur Seelengeschichte einer Nation. Peter von Matt nimmt als Ausgangspunkt ein Ölgemälde, das in der Schweiz wohl jedes Kind kennt. Es geht um Rudolf Kollers Gotthardpost von 1873. Aus den Spannungsfeldern der Bildkomposition zwischen aufgeregten rasenden Pferden vor der Kutsche, den am Wegrand stehenden, dumpf glotzenden Kühen und dem vor die Post geratenen und nun um sein Leben rennenden Kalb entwickelt von Matt eine Analyse der Schweizer Befindlichkeit ebenso wie aus den historischen Gegebenheiten rund um dieses Bild. Koller (ein Freund Kellers übrigens) erhielt den Auftrag zu einem Bild von der Direktion der Schweizerischen Nordostbahn, die auf diese Weise ihren abtretenden Direktor, den Grossindustriellen und Eisenbahnpionier Alfred Escher, zu ehren gedachte. Escher hatte das Projekt eines Eisenbahntunnels am Gotthard initiiert, stolperte aber in der Folge unternehmerisch über die hohen Kosten, die es verursachte und politisch über sein System der Klüngelwirtschaft, die nach 1870 zusehends in Verruf geriet. So war denn Escher aus dem Vorstand der Eisenbahngesellschaft relativ sang- und klanglos ausgeschieden, bevor er das Bild erhalten konnte. Peter von Matt stellt dann zu Recht die Frage, ob der Eisenbahn- und Tunnelpionier ein Bild jener Vergangenheit, die er gerade aufzulösen im Begriffe war, überhaupt geschätzt hätte.

Genau in solchen Widersprüchen aber verortet von Matt den Schweizer und seine Befindlichkeit. Obwohl in der Tat durchaus auf der Höhe seiner Zeit, bleibt er in Gedanken irgendwo in der Vergangenheit stecken. Wilhelm Tell und der Rütli-Schwur dienen als Referenzpunkte für eine Identität, die es so gar nie gegeben hat. Die Schweiz, die auch aktuell mal wieder unter dem vermeintlichen oder tatsächlichen Druck der EU eine Reduit-Mentalität zur Schau stellt, war in der Tat schon immer ein äusserst durchlässiges Gefäss. Wenn Albrecht von Haller in seiner Monumental-Dichtung Die Alpen für heutige Begriffe retrogredierende Heimatdichtung abliefert, handelt es sich dabei aber gleichzeitig um ein wissenschaftlich-aufklärerisches Projekt – ja, Haller bringt so ganz nebenbei drei Begriffe ins Spiel, die zu den Schlüsselwörtern des 18. Jahrhunderts werden sollten: Natur, Vernunft, Freiheit. Anakreontik wie Aufklärung sollten in der Folge von Haller zehren, die französische Revolution wie die heutige, erzkonservative SVP. Selbstverständlich weist von Matt auch auf den kuriosen Umstand hin, dass es ein zum französischen Citoyen ernannter Schwabe war, der das Nationalepos (eigentlich ja ein Drama) der Schweiz schreiben konnte; dass in der hiesigen Rezeption und Aufführungsgeschichte des Wilhelm Tell der beunruhigende Auftritt des Johannes Parricida ganz einfach unterdrückt wird.

Es ergibt keinen Sinn, wenn ich nun einen weiteren Essay über diese Essays schreibe. Die meisten davon sind intelligent und witzig. Die erste Hälfte stellt meiner Meinung nach ab jetzt einen unabdingbaren Bestandteil dar in des Schweizers Diskurs über sich und sein Land. Ob die zweite Hälfte mich dazu verführen wird, den einen oder andern mir praktisch nur dem Namen nach bekannten Autor doch noch auszuprobieren, wird die Zeit zeigen.

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