Jorge Amado: Die Werkstatt der Wunder [Tenda dos milagres]

Das Original erschien 1969, die Neuübersetzung ist jetzt 2012 zum 100. Geburtstag des Autors bei S. Fischer erschienen. Beabsichtigtes ironisch-literarisches Spiel? Denn das Thema dieses Romans sind die geplanten Feierlichkeiten zum 100. Geburtstag eines Autors.

Nicht irgendeines Autors, versteht sich. Jorge Amado schildert das Leben eines sehr speziellen Gelehrten: Pedro Archanjo. Der lebt in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in der Stadt Bahia. Pedro ist Mulatte, einigermassen mittellos. In der Blütezeit seines Lebens ist er Pedell an der medizinischen Fakultät der Universität Bahia. Später wird er diesen Job verlieren. Denn der Mulatte tut etwas Unerhörtes: Er mischt sich in die Wissenschaft. Nicht zur Freude von deren etablierten Vertretern.

Dafür muss ich etwas ausholen, auch wenn Amado, der davon ausgeht, dass man diese Ereignisse mehr oder minder kennt, sie einfach mitten in seiner Erzählung auftauchen lässt. Es gab in Brasilien – im Gefolge des unsäglichen Lombroso – eine „wissenschaftliche“ Strömung, die eine Minderwertigkeit der Mischlinge (Mestizen, Mulatten) als erwiesen betrachtete. Die Mischlinge nämlich behinderten den Fortschritt Brasiliens. Diese „Wissenschaft“ konnte sich in der abgeschotteten Provinzialität Brasiliens und Bahias noch bis an den Vorabend des Zweiten Weltkriegs an den Universitäten halten. Die Minderwertigkeit bezog sich natürlich auch auf die Kulte afrikanischen Ursprungs, die die Schwarzen und Mulatten pflegten: Candomblé, Umbanda, Macumba. Während die brasilianischen Rassisten nicht gerade so weit gingen, eine völlige Vernichtung der Mischlinge zu fordern, sie allerdings in spezielle Zonen verbannen wollten und dabei ganz offen Südafrika als Vorbild nannten, richtete sich ihre Verfolgungswut umso stärker gegen deren Kulte. Gerade in Bahia fanden brutale Polizeiaktionen gegen diese Kultstätten, die sog. „Terreiros“, statt. Das heisst, im Grunde genommen waren das keine Polizeiaktionen mehr – man schickte uniformierte Schlägertrupps, die alles und jeden kurz und klein schlugen, die man auf und um die Terreiros fand. (Dass Brasilien auf Seite der Allierten in den Zweiten Weltkrieg zog, war keine Entscheidung der Ideologie, sondern des politischen Kalküls. Ideologisch stand der Diktator Getúlio Vargas den Diktatoren Hitler und Mussolini näher als Roosevelt und Churchill.)

In diese Atmosphäre hinein wächst Pedro Archanjo. Eigentlich ist er ein Mann fürs Gemütliche. Er sitzt gern mit Freunden zusammen, isst und trinkt mit ihnen (vor allem letzteres!), und die Frauen fliegen ihm nur so zu. Da selber Babalorixá (eine Art Oberpriester) eines Terreiro, wurmt ihn zunächst einfach nur die Ignoranz der weissen Oberschicht. Er beginnt Daten zu sammeln und sie mit einem Freund auf einer alten Druckerpresse auf schlechtem Papier zu veröffentlichen. Er macht zusehends Furore, und seine Freunde sind so verwegen, seine Bücher auch an Universitäten in den USA zu verschicken. Sein Erfolg macht auch seine Feinde auf ihn aufmerksam. Erst als Archanjo nachweisen kann, dass auch im Stammbaum der sog. „Weissen“ der Oberschicht schwarze Vorfahren versteckt sind, verpufft die Verfolgung. Archanjo selber bringt das nichts ein. Einige seiner weissen, hell- und dunkelbraunen Freunde machen Karriere – er verliert den Job. Die Terreiros dürfen wieder funktionieren – er wird nicht mehr als Priester amtieren, hat er doch unterm Studium den naiven Glauben an seine Gottheiten verloren. Völlig verarmt wird er in der Gosse sterben.

Erst zur Zeit der Militärdiktatur in den 60ern und 70ern des 20. Jahrhunderts, in einer Atmosphäre also, die der unter Vargas nicht unähnlich war, auch wenn das Militär seinerzeit gerade gegen Vargas‘ Erben, die mittlerweile stark nach links gerückt waren, geputscht hatte – Jahrzehnte später also, nunmehr in der Gegenwart Amados, sollte sich Bahia wieder seines grossen Sohnes erinnern. Ein US-amerikanischer Völkerkundler hat Archanjos Schriften in seiner Bibliothek gefunden und ist fasziniert von dessen Erkenntnissen. In aller Eile macht sich die Universität von Bahia daran, Festlichkeiten zu Archanjos 100. Geburtstag zu organisieren. Hier nun tobt sich der Satiriker Amado aus. Er karikiert die Art und Weise, wie Archanjos Werk und Name nun für Werbung von Getränkefirmen herhalten muss, die Art und Weise, wie die Organisatoren der Veranstaltung bemüht sind, nicht mit der Regierung zusammenzustossen, aber auch auf persönlicher Ebene, wie der junge Intellektuelle, der damit beauftragt wurde, Archanjos Biografie zu schreiben, an der eigenen Hybris und am herrschenden Literaturbetrieb scheitert.

Meine Zusammenfassung wird dem Werk sicher nicht gerecht. Es ist, wie eigentlich immer bei den Brasilianern des 20. Jahrhunderts voller Leben, realistisch, wenn auch nicht Realität (was das Schlagwort vom ‚magischen Realismus‘ erzeugt hat). Dabei hat Amado ein handfestes politisches Anliegen. Wie sein Landsmann und Zeitgenosse Darcy Ribeiro setzte er sich nicht nur für die Anerkennung der Mischlinge und ihrer Kultur und Religion ein, er postuliert wie Ribeiro geradezu eine Politik und Kultur der Vermischung, die Brasilien auf neue politische und kulturelle Höhen bringen soll. Im von mir hier vor ziemlich genau einem Jahr vorgestellten Roman Ribeiros, Mulo, ist diese Botschaft einigermassen versteckt. Amados Roman spricht sie offen aus.

Der Marxist Amado lässt eine seiner Figuren allerdings festhalten: „Es gibt keine Weissen und Mulatten. Wer arm ist ist ein Mulatte – egal, welche Hautfarbe er hat.“ Das gilt in Brasilien bis heute…

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