C. F. Ramuz: Die große Angst in den Bergen [La grande peur dans la montagne]

Wir müssen ungefähr 18 oder 19 gewesen sein, als unser alter Französischlehrer am Gymnasium mit uns Dérborence lesen wollte. Es endete im Disaster. Der Lehrer nahm dann ein Sabbatical, und die junge Stellvertreterin las mit uns lieber Le petit prince. Die Lektüre von Ramuz wurde nach nicht einmal der Hälfte des Romans stillschweigend beendet. Lange Jahre habe ich dann einen Bogen um den Westschweizer gemacht. Dabei gilt er als der einzige valable Vertreter der Romandie im Konzert der Grossen des französischen Romans.

Es war wohl vor allem so, das hat mir jetzt die Lektüre von Die große Angst in den Bergen (Kollektion Nagel & Kimche) gezeigt, dass wir Gymnasiasten zu jung waren, noch nicht bereit für Ramuz. Wir sahen in ihm nur den Heimatdichter – quasi den Gotthelf der Welschen. Dass auch Gotthelf kein Heimatdichter ist, weiss ich seit längerem, aber Charles Ferdinand Ramuz, den Vertreter der Moderne, habe ich erst jetzt, bei der Lektüre dieses Romans, kennen gelernt.

Es ist ja an und für sich merkwürdig genug, dass der dezidierte Stadtbewohner Ramuz – er verbrachte die meiste Zeit seines Lebens in Lausanne oder Paris – ausgerechnet die Alpen des Waadtlandes und des Wallis mit ihren Bewohnern zu seinem Thema machen konnte. Das klingt alles andere als „modern“. Der Klappentext spricht bei Die große Angst in den Bergen von einer „archaischen Tragödie“ – das klingt auch nicht modern. Tatsächlich ist Ramuz‘ Thema uralt – und in ähnlicher Form in Gotthelfs Die schwarze Spinne auch schon abgehandelt worden: die Hybris des Menschen. Es ist letzten Endes die moderne Gier nach mehr Geld, die die Fraktion der Jungen in einem Bergdorf dazu veranlasst, eine Alp wieder zur Vieh-Sömmerung zu verpachten, nachdem vor 20 Jahren da oben schon einmal unter Vieh und Menschen „die Seuche“ ausgebrochen ist und die Alp seither gemieden wurde. Es kommt, wie es kommen muss: Vieh und Menschen gehen auch 20 Jahre später elendiglich zu Grunde. Diesmal kommt es noch schlimmer. Die Alp wird von einer Steinlawine gänzlich verwüstet und unbrauchbar gemacht. Und bei den Menschen – auf der Alp wie im Dorf – greift eine Art Wahnsinn um sich, der macht, dass, wer nicht von „der Seuche“ dahingerafft wird, im sinnlosen Faktionskampf erschossen wird. Selbst – und das ist das Bestürzende – die Liebeskraft einer jungen Frau steht hier auf verlorenem Posten. Im Gegensatz zu Gotthelf ist dieses Strafgericht allerdings nicht das eines zornigen Gottes, sondern – wenn man daran glauben will, was eigentlich nur die Dorfbewohner tun – das eines eigensinnigen Berges, der nun einfach mal keine Menschen an seiner Flanke dulden will.

Archaisch? Ja. Und wo liegt denn nun die Moderne? Woran liegt es, dass Ramuz z.B. im Kreise der Surrealisten gern gesehen war? Dass er sich mit diesem Roman definitiv im Panthéon der französischen Literatur etablieren konnte? Ganz einfach: am Erzähler. Zum einen ist Ramuz nur ganz vordergründig ein „realistischer“ Erzähler. In Tat und Wahrheit aber sind seine Landschaften fast kubistisch aufgebaut. Nicht einzelne Berge oder Bäume oder auch nur Wälder tauchen aus dem Nebel auf – ganze Farbblöcke rücken dem Leser plötzlich ins Auge, wenn die erste Expedition auf die Alp marschiert.

Zum andern ist da der Erzähler selbst, der keine Position halten kann – oder will. Mal ist er auf dieser Expedition zuhinterst in der Schlange der Aufsteigenden – und dann plötzlich wieder steht er ein Stück weiter vorn und schildert den Aufzug aus dieser Perspektive. Mal ist er allwissender Erzähler in der dritten Person, dann wieder erzählt er in der zweiten Person Plural von der Schlacht, die das Dorf auslöschen wird, um am Schluss als unwissender halb Aussenstehender einen andern, anonymen Gesprächspartner in abgerissenen Fetzen nach dem Schicksal von namentlich aufgeführten Bewohnern zu fragen. (Es sind alle – tot.)

Es gibt den grossen, zuverlässigen Erzähler, wie ihn zum Beispiel Stifter einsetzt. Es gibt den immer eine kleine ironische Distanz zum Geschehen einhaltenden Erzähler, wie ihn Keller perfektioniert hat. Es gibt den Ich-Erzähler, der mit seinen Flunkereien so unzuverlässig ist, dass man sich darauf schon wieder verlassen kann. Ramuz‘ Erzähler aber vermittelt mir das Gefühl, in einer Schneewehe einen Berghang zu traversieren. Nur selten habe ich sicheren Halt, und selbst das könnte täuschen. Immer wieder zieht Ramuz dem Leser den sicheren Boden unter den Füssen weg. Ohne Vorwarnung, ohne mit der Wimper zu zucken, ohne im Nachhinein mit dem Zeigefinger zu wackeln: „Hast du gemerkt…?“

Man kann sich in Sicherheit wiegen und denken, Heimatdichtung zu lesen. Dann wird einen Ramuz so erschlagen, wie die Seuche seine Dorfbewohner, wie er selber seinerzeit mich 18-Jährigen erschlagen hat.

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Ein Kommentar zu C. F. Ramuz: Die große Angst in den Bergen [La grande peur dans la montagne]

  1. Heidi Schindler sagt:

    Archaisch, modern, dramatisch, einfach hinreissend! Der obige Kommentar wird dem Werk gerecht!
    Eine Deutschlehrerin in Rente , soeben im Wallis (St. Luc ) von diesem grossartigen Werk ergriffen.

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