Christoph Martin Wieland: Geschichte der Abderiten

Dank dieses Romans wurde der Begriff „Abderit“ zu einem Synonym von „Schildbürger“ oder „Lalenburger“. In fünf sog. „Büchern“ schildert Wieland die Geschichte der Abderiten, seit ihrer (fiktiv-mythischen) Abspaltung von Athen bis zur Auflösung des griechischen Stadt-Staates. Heutige Verlage würden dieses Werk Wielands als Pentalogie verkaufen, als Reihe oder Serie, denn die fünf Bücher zeichnet keineswegs eine durchgehende Handlung aus. Die Einheit liegt vor allem im Ort, die Personen und Themen wechseln.

In den ersten beiden Büchern reiht Wieland im Grunde genommen nur Anekdote an Anekdote, Schildbürgerstreich an Schildbürgerstreich. Zusammengehalten werden die beiden Bücher durch die Figur des Demokrit – des einzigen vernünftigen und deshalb aussen stehenden Mannes in Abdera, durch dessen Augen im Grunde genommen auch der Erzähler blickt, auch wenn nicht in der Ich-Form erzählt wird. Demokrit wie Abdera sind historisch belegt, ebenso, dass Demokrit aus Abdera stammte, was er auch in der Geschichte der Abderiten tut. Ansonsten ist recht wenig Historisches zu finden. Wielands Bild von Demokrit hat mit dem vorsokratischen Philosophen kaum etwas zu tun – oft widerspricht Wieland geradezu dem historischen Demokrit, so, wenn er nicht glauben kann und will, dass der eine atomistische Weltlehre vertreten habe. (Der Atomismus widersprach der zu Wielands Zeit gültigen wissenschaftlichen Lehre, weshalb sich Wieland nicht vorstellen konnte, dass Demokrit einen solchen Unsinn vertreten haben sollte.)

Demokrit ist für Wieland im Grunde genommen einfach der Weltbürger – er spricht im Zusammenhang mit dem Besuch des Hippokrates (ein weiterer griechischer Denker, den Wieland keineswegs historisch korrekt darstellt) davon, dass die beiden, Demokrit und Hippokrates, dem „uralten Orden der Kosmopoliten“ angehören. Mich dünkt, hier scheine tatsächlich auch Persönliches durch. Man hat ja immer wieder versucht, die Geschichte der Abderiten mit persönlichen Erlebnissen Wielands in Übereinstimmung zu bringen. Abdera soll mit Biberach zu identifizieren sein, aber auch mit Weimar. Es ist wohl tatsächlich so, dass Wieland etwas freier, etwas aufgeklärter dachte, als die meisten um ihn herum, und dass er deswegen, ähnlich wie sein Demokrit, hin und wieder aneckte. Nur so kann ich mir die kurz auftauchende schwarze Begleiterin Demokrits erklären. Diese junge Schwarze, die er von seinen Reisen zurück nach Abdera mitgebracht hat: Ist sie seine Haushälterin und/oder seine Geliebte? Die Abderiten zerreissen sich das Maul – allerdings nicht lange; sehr rasch verschwindet die junge Frau aus dem Gesichtskreis von Leser und Erzähler. Da könnte ich mir durchaus eine gewissen Parallele vorstellen zu jener Liebesgeschichte mit einer katholischen (schwarzen!) Biberacherin, der er sogar ein Kind machte, die er aber wegen der Biberacher Maulzerreisser nicht heiraten durfte, und die er dann mitsamt Kind aus den Augen verloren hat. Wieland muss sich zeitweise durchaus gefühlt haben wie sein Demokrit unter Abderiten.

Im dritten Buch ändert Wieland dann seine Erzähltaktik. Nunmehr wird das ganze Buch ein und demselben Thema gewidmet. Es geht ums abderitische Theater, um die Intrigen, die vor, während und nach einer Aufführung ablaufen, darum, welch merkwürdige Ansichten die Aberiten von einem „guten“ Drama haben. Wieland hat hier wohl seine Erlebnisse rund um die Aufführung einer Operette von ihm in Mannheim verarbeitet, ist aber weit darüber hinausgegangen. Dieses Buch ist auch heute noch „gültig“, mit seiner satirischen Schilderung des „modernen“ Kunstbetriebs und der vermeintlichen Kunstkenner.

Überhaupt bleibt Weiland nun dabei, seine weiteren Bücher einem einzigen Thema unterzuordnen. Buch 4 schildert so den berühmten Prozess um des Esels Schatten. Auch da mag manch eine Erfahrung des Biberacher Kanzleiverwalters eingearbeitet worden sein. Wie ein simpler Prozess zweier rechthaberischer Sturköpfe beinahe die ganze Stadt ruiniert, und wie zum Schluss der einzige in Tat und Wahrheit nicht Beteiligte dem Mob geopfert wird (nämlich der Esel selber), ist in geschickten Steigerungen angelegt und spannend geschildert. (Komposition ansonsten nicht unbedingt Wielands Stärke.)

Noch besser, meines Gutdünkens, dann das fünfte und letzte Buch. Es ist der Abgesang auf Abdera: Demokrit – nachdem er schon in Buch 4 nur noch eine marginale Rolle spielte – ist schon lange weggezogen und verstorben. Tot sind auch die übrigen abderitischen Protagonisten der ersten vier Bücher.  Die Generation ihrer Enkel ist allerdings keineswegs klüger geworden. Im Gegenteil. Auf Abdera kommt eine neue Zerreissprobe zu – diesmal in Form einer übertriebenen Verehrung der Göttin und Stadtpatronin Latona, der zu Ehren ausgerechnet überall Froschteiche angelegt werden. Abdera versumpft im wahrsten Sinn des Wortes. Jeder Versuch der zwei oder drei halbwegs vernünftigen Abderiten, dem abzuhelfen, bleibt im Gezänk der einander befehdenden theologischen Parteien stecken. Schliesslich bleibt den Abderiten nichts mehr übrig, als die unterdessen unbewohnbar gewordene Gegend für immer zu verlassen. In der Fremde scheint sich ihre Absonderlichkeit zu verlieren – wir hören nichts mehr von ihnen und die Geschichte der Abderiten hat ein Ende.

Heute ist dieser Text der wohl bekannteste Wielands. Er ist ja auch Wieland in nuce. Der aufgeklärte Kosmpolit, der mit milder Satire und Ironie die Schwächen der Menschen pinselt, entspricht sehr wohl Wielands schriftstellerischem Temperament. Die kompositorischen Schwächen ebenfalls: Aus einer Sammlung von Anekdoten werden grössere, zusammenhängende Stücke, Demokrit – mit grossem Trara eingeführt – verliert zusehends an Wichtigkeit, Figuren wie die junge Schwarze verlieren sich einfach so. Als Einführung in Wieland, in die sanfte Aufklärung deutscher Provenienz ist der Roman perfekt geeignet. Man sollte aber Weiteres von Wieland lesen. Was ich bei Gelegenheit mal wieder tun werde.

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