Parthenios: Liebesleiden / Παρθένιος: Περί ερωτικών παθημάτων

Parthenios von Nicaea? – Ich kannte ihn bisher nicht. Er war offenbar zu seiner Zeit ein recht berühmter Autor, v.a. von Elegien. Ausser den Liebensleiden ist aber nichts auf uns gekommen. Er lebte zur Zeit der Wende vom 2. zum 1. Jahrhundert v.u.Z., kam als Sklave von Griechenland nach Rom und wurde dort zum gefeierten Autor – das ist so ziemlich alles, was wir über ihn wissen. Kai Brodersen hat das verbleibende Fragement seiner Werke im Jahre 2000 bei der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft als schmales Bändchen unter dem Titel Liebesleiden in der Antike herausgegeben.

Die Ausgabe ist zweisprachig, was wohl auch nötig war, um ihr einen ‚anständigen‘ Umfang zu geben. Denn bei den Liebesleiden handelt es sich nicht um ausgefeilte Texte. Wir haben hier das Notizbüchlein des Autors vor sich, in das er Stoffe notiert hat, die interessant zu sein versprechen, die man bei Gelegenheit erweitern könnte. Es handelt sich dabei um Liebesgeschichten im weitesten Sinn. Wir erfahren vom Schicksal des Odysseus lange nach dessen Rückkehr auf Ithaka, aber auch heute unbekannte mythologische Gestalten werden geschildert.

Ich habe das Büchlein auch schon sehr marktschreierisch beworben bzw. beschrieben gesehen: Mord, Totschlag, Inzest, Nekrophilie sind die Schlagwörter, mit denen um sich geworfen wird. Doch seien wir ehrlich – mit Ausnahme vielleicht der Nekrophilie, die aber hier im Grunde genommen unabsichtlich passiert – sind das Tatbestände, die in der griechischen Mythologie an der Tagesordnung sind. Für uns Heutige ist Parthenios‘ Notizbüchlein höchstens interessant dadurch, dass wir auf ein paar Mythen einen Blick erhaschen, den Homer und Gustav Schwab nicht freigeben. Vor allem letzterer hat ja den deutschsprachigen Gymnasiasten auf Jahrhunderte hinaus zwar einen ersten Blick auf die griechische Mythologie geebnet – zugleich aber mit seiner Kanonisierung von gewissen Ausprägungen den Blick auf die grosse Varianz des griechischen Mythos versperrt. Es gab in der Antike keine Kanonisierung der Mythologie, wie sie die 70 Weisen für die Bibel geleistet haben. Robert Graves hat in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts für den englischen Sprachraum ein viel weiteres Blickfeld geöffnet, von einem Pausanias wollen wir für einmal gar nicht reden. (Und dass die ‚heitere‘ Antike lauter tragisch und unglücklich verlaufende Liebesgeschichten zu kennen scheint, sei hier nur am Rande vermerkt.)

Zu bedauern ist, dass in unserer Ausgabe die Zweisprachigkeit etwas schludrig gehandhabt wurde, indem leider der griechische Text nicht konsequent auf der linken, der deutsche auf der rechten Seite angebracht worden sind. Das hat auch Hans Bernsdorff in seiner Kritik moniert. Zu seiner weiteren Kritik an der Übersetzung als solcher kann ich mich mangels eigener Kenntnisse des Altgriechischen nicht äussern.

Als ‚Füllmaterial‘ wurden dem Text noch Abbildungen antiker Vasen aus dem Reiss-Museum Mannheim begefügt – mehr oder weniger zum Text passend. Claudia Braun beschreibt die Geschichte der Sammlung und die einzelnen Vasen. Ihre „ErläŠuterung ist liebevoll gemacht und bemüŸht sich darum, den nicht immer evidenten thematischen Bezug zu der dabei stehenden Geschichte zu verdeutlichen.“ (Bernsdorff, a.a.O., ganz am Schluss.)

Für den Laien alles in allem eine nette Lektüre für einen Abend. Hätte die Wissenschaftliche Buchgesellschaft den Text nicht verbilligt verscherbelt, hätte ich ihn wohl nicht gekauft. Damit hätte ich ein wenig – aber nur ein wenig! – weniger über die antike Mythologie erfahren.

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