Anthony Kenny: Geschichte der abendländischen Philosophie. Band III: Neuzeit

Band III von Kennys Philosophiegeschichte umfasst die Zeit von 1531 (Erscheinungsjahr von Machiavellis Il Principe / Der Fürst) bis 1831 (Hegels Tod). Diese Epoche – vor allem ihre erste Hälfte – zeichnet sich dadurch aus, dass in ihr die ‚Alte Welt‘ definitiv aus den Angeln gehoben wurde. Das kann man ziemlich wörtlich nehmen, indem eine ‚Neue Welt‘ entdeckt und erobert wurde, die Erde ihren Status als flache Scheibe und ruhender Punkt im Weltall dank Kopernikus, Kepler und Galileo einerseits, der Entdeckung der Gravitation durch Newton andererseits verlor, und die allumfassende (katholische) Kirche nun auch in Westeuropa nicht mehr uneingeschränkt die Köpfe der Menschen regierte. In dieser Zeit wurde dafür der Mensch entdeckt, das Individuum und seine Rechte.

Kenny reagiert darauf, indem er einerseits den Umfang der personenbezogenen Geschichte auf drei Kapitel vergrössert und andererseits der politischen Philosophie nun ein eigenes Kapitel gönnt. Dafür lässt er Logik und Sprachphilosophie beiseite – mit dem durchaus vertretbaren Argument, dass in der Renaissance und den folgenden Epochen hier eher Rück-, denn Fortschritte stattfanden. Somit haben wir in Band III folgende Kapiteleinteilung vor uns:

  1. Die Philosophie im 16. Jahrhundert
  2. Von Descartes bis Berkeley
  3. Von Hume bis Hegel
  4. Erkenntnis
  5. Physik
  6. Metaphysik
  7. Geist und Seele
  8. Ethik
  9. Politische Philosophie
  10. Gott

Im ersten Kapitel verfolgen wir zunächst die Auseinandersetzung der Humanisten (Erasmus!) und Reformatoren (Luther!) mit dem Gedankengut der katholischen Kirche und das Aufkommen einer Textkritik im modernen Sinn, die so manchen antiken Autor in anderm Licht erscheinen liess. Philosophisch gesehen, übernimmt Platon die führende Rolle von Aristoteles, weil man wieder in der Lage ist, direkt aus altgriechischen Texten zu übersetzen. Schon vor Descartes finden wir eine weit verbreitete zweifelnde Haltung vor. Dieser Skeptizismus bringt nun auch die Naturwissenschaften in Gang. Aristoteles als alleiniger Führer im naturwissenschaftlichen Dschungel wird abgeschafft; an Stelle der Deduktion aus Theorie tritt langsam die Deduktion aus der Beobachtung und aus dem Experiment. Giordano Bruno, Galileo und Francis Bacon werden näher vorgestellt. Mit Newton verlässt die Physik dann den Raum der Philosophie.

Das zweite Kapitel ist der Auseinandersetzung zwischen Rationalismus (Descartes!) und Empirismus (Hobbes, Locke!), gewidmet, wobei Kenny aufzeigt, dass die beiden Strömungen weniger weit von einander entfernt waren, als die damaligen Protagonisten selber dachten. Nach dem zwar originellen, aber philosophiegeschichtlich unfruchtbaren Vermittlungsversuch von Leibniz‘ Monadenlehre mündet diese Zeit in den Idealismus eines Berkeley.

Während die scholastischen Denker nie bewusst versuchten, ein eigenes System der Welterklärung zu formulieren, wird dies in der Neuzeit zur Regel. So haben wir nun die Situtation vor uns, dass mehr und mehr philosophische Systeme durcheinander wuseln und miteinander konkurrenzieren. Hume, die Aufklärer (Voltaire, aber auch Wolff und Lessing werden explizit erwähnt!), Rousseau, dann natürlich Kant, mit dem die Aufklärung in den deutschen Idealismus kippt, Fichte, Schelling und Hegel. (Auch wenn Kenny Hegels Logik stillschweigend vom Tisch wischt, fällt auf, dass er ihn ansonsten – vor allem als einen der ersten Philosophiehistoriker – durchaus ernst nimmt, zu würdigen und zu interpretieren weiss.) Zwischen den Fronten: Malebranche, Spinoza, Pascal.

In den sachbezogenen Kapiteln werden diesen Namen noch weitere hinzugefügt. Es fällt auf, dass Kenny in dieser Epoche auch viele Autoren hinzuzieht, die wir heute wohl eher der Literatur denn der Philosophie zuordnen würden. Lessing wurde schon genannt; Montaignes Skeptizismus eröffnet das vierte Kapitel zur Erkenntnis; neben Machiavelli figurieren auch Thomas Morus (Utopia!) und Montesqieu mit dem Geist der Gesetze an prominenter Stelle; Gassendis Atomismus wird Descartes gegenübergestellt, der bekanntlich kein Vakuum in der Natur dulden wollte. Selbst den Jesuiten Las Casas treffen wir an, der als einer der ersten die These formulierte, auch die ‚Wilden‘ Amerikas seien Menschen mit unantastbaren Rechten, z.B. dem auf Besitz. (Die Conquistadoren sollten sich allerdings – ebenso wie die Staaten, in deren Namen sie raubten und sengten – nicht darum bekümmern.)

Alles in allem wieder ein sehr gutes Stück Arbeit, bei dem mich vor allem die Bandbreite überraschte, weil auch Schriftsteller einbezogen werden, die landläufig nicht unbedingt als Philosophen gelten. Positiv empfinde ich auch die Tatsache, dass Kenny nicht nur bemüht war, sondern es auch zu Stande brachte, einem der Interpretation so widerspenstig gegenüberstehenden Philosophen wie Hegel etwas abzugewinnen. (Die üblichen Hegel-Einführungen setzen ja immer voraus, was zuerst erklärt werden müsste: Die Notwendigkeit und die Art und Weise der Durchführung des dialektischen Dreischritts.)

Das Unterkapitel über die Cambridger Platoniker in Kapitel 2 bleibt hier der einzige Ausrutscher Kennys in eine regional britisch bezogene Philosophiegeschichte, so dass ich diesen Band – im Gegensatz zu II – wiederum uneingeschränkt empfehlen kann.

PS. Allerdings wird die Geschichte mit den sinnentstellenden Druckfehlern immer schlimmer. In Band III sind es mittlerweile ganze Sätze, die verschwinden. So bei der Beschreibung der beiden Herausgeber der Encyclopédie, Diderot und D’Alembert:

In der Einleitung zur Encyclopédie schrieb er [gemeint ist D’Alembert]: „Das Universum wäre für den, der es von einem eizigen Punkt aus betrachten könnte, nur ein Faktum und eine umfassende Wahrheit. Er interessierte sich mehr für Biologie und die Sozialwissenschaften als für Physik, und während D’Alembert von Akademikern gefeiert wurde, verbrachte Diderot eine Zeit im Gefängnis […]. (S. 103)

Da fehlen mindestens 1, wahrscheinlich aber 2 oder mehr Sätze, denn das „Er“ vom zweiten zitierten Satz ist eindeutig Diderot in der Schilderung Kennys und nicht der der allgemeine Mensch, der das Universum betrachtet, von D’Alembert. Schade, dass ein renommierter Verlag wie die WBG so etwas durchgehen lässt. 🙁

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