Darcy Ribeiro: Mulo

Mulo liegt im Sterben. Wie jeder echte Katholik will er vorher seine Sünden beichten. Er besorgt sich also einen Pater dafür. Bzw., er will sich einen besorgen. Bzw., er wird sich einen besorgen. Nämlich, wenn die Beichte fertig ist. Denn er sitzt keineswegs in einem Beichtstuhl und flüstert seine Sünden einem verständnisvollen älteren Herrn in die Ohren. Er liegt oder sitzt zu Hause und schreibt seine Beichte in ein Heft. Sein Beichtvater soll erst noch gesucht werden, und es soll kein älterer Herr sein, sondern ein junger Mann. Denn Mulo will ihn, so schreibt er gleich auf den ersten Seiten, auch zu seinem Erben machen.

Und zu erben gibt es viel: Mulo ist ein Grossgrundbesitzer, ein Self-Made-Man brasilianischer Art. Herangewachsen ist er als uneheliches Kind auf der Fazenda seines Onkels, da seine Mutter früh stirbt, sein Vater nicht bekannt ist. Die schlechte Behandlung, die Mulo von seinem Onkel erlebt, führt dazu, dass er ihn ermordet und flieht. Es folgt eine Odyssee durch die brasilianischen Staaten Bahia und Minas Gerais. Mulo wird Maultiertreiber, Soldat, Totschläger. Ein erster Versuch, sich Grundbesitz anzueignen, scheitert. Anwälte noch grösserer Grundbesitzer aus Saõ Paulo drängen ihn aus seinem Besitz, obwohl ihre Mandanten, bei Licht betrachtet, genau so wenig Recht hatten auf das Land wie Mulo selber. Erst im zweiten Anlauf gelingt es Mulo, sich in grossem Stil Grundbesitz anzueignen und respektabel zu werden. Dass er respektabel geworden ist, merkt man daran, dass er nun “Major” und “Oberst” genannt wird, obwohl er seine militärische Karriere – nach eigenen Angaben – als Gefreiter abgebrochen hat, weil er abhaute, um nicht von einem schwulen Vorgesetzten missbraucht zu werden.

Doch schon als Mulo diese Geschichte erzählt (und wir sind da schon fast in der Mitte des Buchs), beginnt sich der Leser so langsam Fragen zu stellen. Können wir Mulo wirklich glauben? Seine Beichte besteht vor allem aus Geschichten, wie er den oder jenen tot geschlagen hat. So richtig als Sünde betrachtet er allerdings keinen seiner Morde, es gab schliesslich (in seinen Augen) immer einen guten Grund für die Tat. Und wenn er nicht von seinen Totschlägen erzählt, sind es die Frauen, die er aufzählt. Die und jene hat er flach gelegt – vor allem die Töchter “seiner” Schwarzen; wirklich geliebt hat er wohl keine, auch wenn er es immer wieder von der einen oder der andern behauptet. Aber als Leser wird man das Gefühl nicht los, dass es nur Anfälle von Geilheit sind, die ihn auch noch im Alter plagen, wenn er sich an diese oder jene erinnert. Jetzt jedenfalls sitzt er alleine in seinem Gutshaus.

Wir haben also einen Schelmenroman vor uns, wenn auch einen mit ernstem Hintergrund. Diese selbstherrlichen und in ihrem Bereich absolut herrschenden Grossgrundbesitzer gibt es im brasilianischen Hinterland, im Sertaõ, wirklich. Und sie befinden sich auch in Wirklichkeit in einem ständigen Krieg mit benachbarten Familien, War-Lords und Mafia-Bossen ähnlicher als anständigen Grundbesitzern, wie wir Europäer es verstehen. Keineswegs gebildeter als ihre Untergebenen und Angestellten, unterdrücken sie diese mit äusserster Brutalität. Die Mentalität eines Sklavenhalters hat sich dort bis heute gehalten. Und bis heute ist es so, dass die meisten Angestellten – ob Indio, Mestize, Schwarzer, Caboclo – sich klaglos unterordnen.

Indem Ribero den Erzählstandpunkt eines Besitzers annimmt, klagt er an und zeigt zugleich, dass auch der Besitzer auf seine Weise nur Opfer des kranken Systems ist.

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