Karl Hans Strobl: Eleagabal Kuperus

(Das Buch ist mir heute wieder in die Hände gekommen, weil ich es endlich einmal „verarzten“ möchte – sprich: den fast abgefallenen Buchrücken wieder ankleben.)

Strobl (1877-1946), der deutschsprachigen Minderheit in Mähren entstammend, rechtsnational, gar nationalsozialistisch gesinnt, war zu Lebzeiten mit seinen Burschenschaftsromanen und seinen phantastischen Romanen durchaus bekannt. Bei Eleagabal Kuperus handelt es sich um einen seiner frühen phantastischen Romane, erstmals publiziert (in zwei Bänden) 1910. Meine Ausgabe enthält beide Teile in einer fadengehefteten Leinenausgabe, datiert von 1928, zeigt also, dass Strobl über etliche Jahre populär war und „etwas galt“.

Ich hatte ja ein bisschen Angst, auf nationales Gesülze oder Schlimmeres zu stossen. Gekauft habe ich mir dieses Buch, weil mich eine Beschreibung, auf die ich zufälligerweise im Internt stiess, hellhörig werden liess. Dieser Inhaltsangabe nach soll es hier zum Zweikampf zwischen dem guten Zauberer Kuperus und dem Schurken, Kapitalisten und Multimilliardär Bezug (der heisst so!) kommen, und ich fragte mich, wieweit ich hier auf eine weitere Quelle der gegenwärtig boomenden Phantastik (die sich neudeutsch ja nun „Fantasy“ nennt) gestossen war, wo ja – ob Herr der Ringe oder Harry Potter – das gleiche Grundmuster verwendet wird.

Das Grundmuster geht bei Strobl recht schnell verloren. Die Charaktere sind relativ einfach, aber nicht uninteressant gezeichnet. Der Konflikt, in der Vorschau angekündigt als einer zwischen Natur und Magie einerseits, Naturwissenschaft/Technik und Kapitalismus andererseits, findet allerdings so nicht statt. Auch der Kapitalist verwendet als Person magische bzw. hypnotische Kräfte, um andere seinem Willen zu unterwerfen. Das grosse Welteroberungsschema, das natürlich nicht fehlen darf, wird zwar in Aktion gebracht, geht aber praktisch vergessen. Vor allem auf der „bösen Seite“ intrigiert natürlich letzten Endes jeder und jede nur für sich selber. Sprachlich liest sich die Geschichte angenehm, kein Vergleich mit dem Deutsch, das wir uns heute teilweise bieten lassen müssen, wenn wir Fantasy lesen möchten. (Und welcher Fantasy-Autor heute dürfte es sich wohl erlauben, bei der Erwähnung von Xerxes, der das Meer peitschen liess, einfach zu sagen, dass man die Geschichte bei Herodot nachlesen könne?)

Aber im Grunde genommen, ist, was wir hier vor uns haben, eine Beschreibung multipler sexueller Störungen und Hörigkeiten. Man hat das Gefühl, Die Venus im Pelz in einem leicht phantastisch-verschrobenen Setting rund um Prag zu lesen … Ich hatte das nicht erwartet und war, ich gestehe es, angenehm überrascht. (Nicht, dass nun jemand glaubt, mit Strobl einen wirklich grossen Autor vor sich zu haben . Aber ich habe unter dem Label „Klassiker der phantastischen Literatur“ auch schon Schlimmeres gelesen. )

Eleagabal Kuperus gilt als deutschsprachiger Klassiker der phantastischen Literatur. Er ist, von vielleicht zwei kurzen Stellen abgesehen, zum Glück von völkischem Gedankengut weitestgehend frei geblieben. Einmal deutet Kuperus dem Liebespaar der Guten an, es könne die Keimzelle einer neuen Menschheit sein. Die andere, störendere Stelle ist die, wo Kuperus die im Buch stattfindenden allgemeinen Metzeleien als Gesundungsprozess eines Volkes gutheisst.

Das Buch hat eine grosse Schwäche: Es fängt an als phantastischer Roman, als Zweikampf zwischen den beiden Mächtigen – Eleagabal Kuperus, Weiser und weisser Magier, einerseits und Thomas Bezug, Kapitalist und Technokrat, andererseits. Nach rund 100 von rund 700 Seiten allerdings läuft die Geschichte in eine völlig andere Richtung, und der Zweikampf spielt kaum eine Rolle mehr.

Das Buch hat eine grosse Stärke: Es fängt an als phantastischer Roman, als Zweikampf zwischen den beiden Mächtigen – Eleagabal Kuperus, Weiser und weisser Magier, einerseits und Thomas Bezug, Kapitalist und Technokrat, andererseits. Nach rund 100 von rund 700 Seiten allerdings läuft die Geschichte in eine völlig andere Richtung, und der Zweikampf spielt kaum eine Rolle mehr.

Strobl liefert, angesiedelt in einer fiktiven, namenlosen Stadt (hinter der sich aber wohl Prag verbirgt) seine Analyse seiner Zeit. Es sind dann konservativ-bäuerliche Werte, die Strobl hochhält. Bezug will in einer einmaligen, bisher unerhörten Aktion alles Land auf diesem Globus aufkaufen, um die Produktion von Sauerstoff in den Pflanzen zu unterbinden, damit er selber den Sauerstoff monopolisieren kann. Die Bauern sollen dabei verelenden und in die Stadt getrieben werden.

Auf der „guten Seite“ finden wir neben dem Magier Kuperus den Schriftsteller Adalbert Semilasso. In der Wildnis ist der aufgewachsen, nämlich in einer Höhle bei einem der menschlichen Gesellschaft entflohenen, halbwilden Vater. Ein stilisiertes Selbstbildnis Strobls? Jedenfalls: Erst als Erwachsener kommt Adalbert unter Menschen. So könnte man den Roman auch als Entwicklungsroman auffassen, denn die Entwicklung des jungen Semilasso nimmt einen zentralen Platz ein.

Doch es ist, hierin an die Venus im Pelz erinnernd, auch die Geschichte sexueller Hörigkeit, indem Bezugs Tochter sich als Vamp entpuppt, die alle Männer zu sich ins Bett zu löken weiss, auch wenn bzw. gerade weil dieses Bett ursprünglich Potiphars Sarg war. Die Männer, auch Semilasso, trotzdem er bereits seine ideale Geliebte gefunden und sich ihr erklärt hat, fallen ihr alle zum Opfer, selbst dann, wenn sie es gar nicht wollen und sich immer wieder dagegen wehren. Während Thomas Bezug seine schier unbegrenzte Macht zwar auch an Geliebten austobt, ist er, der Mann, aber offenbar bei Widerstand auf brutale Vergewaltigung angewiesen. So bricht denn das erste Buch (Die würgende Hand) mitten in diesem Handlungsstrang um die Tochter Bezug ab. – Warum überhaupt zwei Bücher? Ich vermute buchhändlerisch-verlegerische Gründe, denn Strobl gibt sich nicht mal die Mühe, das erste Buch mit einem Cliffhanger zu beenden. Es hört einfach auf, und das zweite (Höllenfahrt) nimmt den Handlungsstrang auf, wie wenn nichts gewesen wäre.

Doch auch der Handlungsstrang um Bezugs Tochter „Potiphar“ wird nicht beibehalten. Das letzte Drittel des zweiten Buchs ist dann der Schilderung von etwas ganz anderem gewidmet: Ein Planet ist aus seiner Bahn geraten und rast auf die Erde zu. Die jetzt einsetzende Endzeitstimmung, die Schilderung der Reaktionen der Menschheit im Allgemeinen, der verschiedenen Protagonisten im Besonderen, machen den besten Teil des Werks aus. Das Chaos bricht aus, Heilslehren spriessen aus diesem Boden wie Pilze nach einem warmen Sommerregen. Und los geht’s – Richtung Abgrund. Dieser Teil hat für mich das ganze Buch aus der ansonsten herrschenden Beliebigkeit herausgerissen.

Nicht wirklich phantastische Literatur also. Ein bisschen Entwicklungsroman. Ein bisschen Science-Fiction. Und vor allem: Venus im Pelz meets Die Offenbarung des Johannes.

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Ein Kommentar zu Karl Hans Strobl: Eleagabal Kuperus

  1. sb sagt:

    Gestern ausgeborgt und aus diesem Grund deinen Beitrag nur kurz überflogen, um einer Beeinflussung zu entgehen. Mal sehen, wie’s mir mit der völkischen Phantasy geht :).

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