Die Philosophie der Griechen in ihrer geschichtlichen Entwicklung. Dargestellt von Dr. Eduard Zeller. (Erster Teil: Allgemeine Einleitung. Vorsokratische Philosophie. Zweite Hälfte)

Da es sich ja ursprünglich auch nur um einen Band handelte, wird es nicht wundern, wenn ich feststelle, dass die zweite Hälfte – in der 6. Auflage ein separater Band – nahtlos dort weiterfährt, wo die erste endet, und dass auch Zellers Vorgehensweise in keiner Art geändert hat. (Eigentlich muss man sogar sagen: Zellers und Nestles Vorgehensweise, da Nestle natürlich auch in der zweiten Hälfte Zeller um 15 Jahre altphilologischer Diskussion weitergeführt hat, ohne dass man als Leser einen Unterschied zwischen den beiden spüren würde.) Allerdings werden die textkritischen, philologischen Anmerkungen spürbar weniger, je näher wir Sokrates kommen. Die Textüberlieferung wird besser.

Die zweite Hälfte beinhaltet Abschnitte 2 und 3 der Vorsokratik: Heraklit, Empedokles, die Atomistik, Anaxagoras als Abschnitt 2, Die Sophisten als 3. Die entsprechenden Philosophen bzw. Bewegungen sind für Zeller auch in dieser Reihenfolge erschienen. Anaxogaras mag dabei überraschen, wird er doch heute allgemein vor den Atomisten angesetzt. Schon Nestle moniert das in einer Anmerkung (ohne im Übrigen in den Text einzugreifen): Zeller liess sich davon verleiten, dass Anaxagoras als erster Philosoph das Nus (oder Nous -altgriechisch ‚νοῦς‘), den Geist, als von der reinen Wahrnehmung unterschiedene Instanz einführte. Demokrit kannte kein Nus, was für Zeller der Grund war, Demokrit früher als Anaxagoras anzusetzen.

Ansonsten gibt es an diesem 2. Abschnitt nichts auszusetzen. Heraklits „Welt im Fluss“, die Unmöglichkeit einer wahren Erkenntnis ohne Logos, die ihn unter den Physikern zum ersten Erkenntistheoretiker macht, Empedokles‘ religiös anmutendes Sendungsbewusstsein, Leukipp und Demokrits Atome und Vakuum, ein Postulat, das die Atomistik letzten Endes dazu führte, die Unterschiede auch zwischen Mensch und Tier, ja zwischen Animalischem und Pflanzlichem in Bezug auf Sinne und Gefühle als graduell, nicht absolut zu fassen – es ist alles da. Vor allem bei der Atomistik hat man das Gefühl, Zeller kann sich einer gewissen Sympathie nicht enhalten, die ihn auch dazu führt, die Atomistik ein bisschen klarer darzustellen als andere Schulen.

Geradezu begeistert bin ich aber von Abschnitt 3. Ich habe bisher noch nirgends – auch nicht im ersten Band von Kennys Philosophiegeschichte – eine derartig präzise, einleuchtende und vor allem vorurteilsfreie Darstellung der Sophistik gefunden. Zellers Sophisten sind nicht einfach nur Eristiker, die als reine Debattierkünstler Schwarz in Weiss und Unrecht in Recht zu verwandeln wussten. Das sind sie zwar auch – aber erst in einer späten Phase. Vor allem die beiden als Gründer der Sophistik geltenden Männer Protagoras und Gorgias waren, jeder auf seine Art, ernst zu nehmende Skeptiker. Sie lösten sich von der ‚klassischen‘ Philosophie ihrer Vorgänger, indem sie nicht nur behaupteten, deren schöne Welterklärungsmodelle seien letztendlich reine Theorie, in der man getrost dieser oder jener Meinung sein könne, sie lösten sich auch, indem sie ihren Zuhörern etwas Handfestes, etwas fürs Leben, die politische Karriere etc. versprachen. Skeptik als Standpunkt, Praxis als Ziel. Die Sophisten wurden Wanderlehrer, denn, wenn sie einmal ihr Körbchen geleert hatten, mussten sie wohl oder übel weiterziehen. Die Sophisten waren auch die ersten, die sich ihr Wissen bezahlen liessen. (Was wohl mit zu ihrem schlechten Ruf unter den athenischen, eigenständigem bzw. -händigem Erwerb abgeneigten Aristokraten – Platon voran – beigetragen haben wird.) Dass der Skeptizismus, der vor allem bei Protagoras noch einen stark aufklärerischen Impetus hatte, bei der nachfolgenden Generation von Sophisten immer mehr zur Beliebigkeit des eigenen Standpunkts verkam, die skeptische Haltung gegenüber  physikalischen Welterklärungsmodellen zu einer völligen Vernachlässigung der Naturwissenschaft mutierte, wird bei Zeller dann schön dargestellt. Die grosse Wertschätzung und detaillierte Darstellung aber der frühen Sophistik ist etwas, das ich Zeller hoch anrechne und von dieser Lektüre mitnehmen werde.

(Dass die Entwicklung der Eristik auch für das klassische griechische Drama z.B. eines Euripides von Bedeutung war , wird von Zeller/Nestle dann nur noch angedeutet.)

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