Louis-Sébastien Mercier: Das Jahr 2440 / L’An Deux Mille Quatre Cent Quarante

1775 erschien dieses Werk, mit  dem Untertitel „Rêve s’il n’en fût jamais“ (ein Traum, wenn’s denn einer gewesen ist). Es erschien anonym, mit Druckort London. Offenbar hielt der Autor also seine Thesen für gewagt genug, um sich so zu schützen.

Den Leser von heute wundert’s. Mercier ist brav, sehr brav. Da legt sich der Erzähler hin um zu schlummern – und erwacht wieder 670 Jahre später. Das gäbe Anlass zu reizenden Vergleichen, doch Mercier verpasst alle Chancen. Zwar ist das Werk in dem Sinne eine echte Utopie, als dass hier wirklich eine bessere Welt geschildert wird. Besser jedenfalls in dem Sinne, in dem sie Mercier vorschwebt. Doch wie kläglich ist diese bessere Welt. Zwar sind alle Menschen lieb und nett und rücksichtsvoll und aufmerksam, und selbst Mörder auf dem Weg zur Hinrichtung lernen noch moralisch dazu. Doch wie und wo dieser erstaunliche Wechsel im Wesen des Menschen stattgefunden haben soll, verschweigt der Autor.

Und selbst die Änderungen sind kläglich. Mercier hält an einer Erbmonarchie fest. Nur ist halt der König plötzlich ein so gar nicht selbstsüchtiger Mann und seine Ratgeber und Minister genau so wenig. Beinahe übel geworden ist mir allerdings beim Kapitel über die Frauen. Die Frau bleibt dem Manne untertan. Sie kriegt nicht einmal ein Erbe ausbezahlt, muss also heiraten, um überleben zu können. In der Ehe bestehen ihre Pflichten darin, Kinder zu kriegen und den Haushalt zu besorgen. Frauen, die sich schminken und in Gesellschaft bewegen, sind dem Autor ein Greuel.

Auch sonst haben wir nicht das Gefühl, uns in einer zukünftigen Welt zu bewegen. Die Fortbewegung geschieht nach wie vor in Kutschen und Sänften. (Nicht einmal die bereits existierenden Heissluftballone der Brüder Montgolfier scheint Mercier zur Kenntnis genommen zu haben!) Die Grenzen der Reiche, die Namen der Staaten – alles ist im Jahre 2440 so, wie es im Jahre 1770 war. (Und natürlich ist die Verfassung von Frankreich die beste von allen! Und natürlich gibt es zwar keine Kriege mehr, aber Frankreichs Wirtschaft soll möglichst autark sein.) Es ist Mercier offenbar nicht einmal in den Sinn gekommen, sich zu fragen, ob es denn zwischen dem Frankreich seiner Zeit und dem Frankreich von vor 670 Jahren einen Unterschied gäbe. (Oder vielleicht kam es ihm in den Sinn, und er hat realisiert, dass es um 1100 noch gar nichts mit Frankreich Vergleichbares gegeben hat, bzw. Frankreich damals gerade in den kapetingischen Windeln lag.) Selbst auf die Idee, dass man 670 Jahre später wohl kaum alle seine zeitgenössischen Klassiker noch kennen würde bzw., dass da vieles nachgekommen sein müsste, das deren einzigartige Stellung auf dem französischen Parnass doch wohl gefährdet haben müsste, ist Mercier nicht gekommen. Und so diskutiert man noch im Jahre 2440 über Voltaire & Co.

Und natürlich krankt Merciers Utopie an der Krankheit, an der jeder utopische Staat, jede utopische Gesellschaft krankt: Sie stellt die beste aller Möglichkeiten dar und kann nicht mehr übertroffen werden. Jede Veränderung wäre eine zum Schlechteren. Und so muss der Staat möglichst unauffällig aber auch möglichst effizient darüber wachen, dass keine Veränderung geschieht. Veränderung darf nicht geschehen, sie darf nicht angesprochen werden, sie darf nicht gedacht werden. Und so gibt es auch in Merciers Frankreich von 2440 wohlmeinende Beamte, die darüber wachen, dass niemand, selbst der König nicht, auf gefährliche Gedanken komme. Um diese Kontrolle zu erleichtern, hat man übrigens schon vor Jahrhunderten gefährliche Literatur verbrannt, darunter auch ein paar allzu leichtfertige (weil nur von Liebe tändelnden) Griechen oder Lateiner (Sappho, Anakreon) bzw. ideologisch bedenkliche (Lukrez!). Die übrigen Bücher sind in der königlichen Bibliothek zusammengefasst.

Denn selbstverständlich ist der Glaube an ein höheres Wesen nach wie vor Staatsreligion. Jeder Vernünftige erkenne ihn ja aus einem Blick ins Mikroskop bzw. ins Sternenrohr. Rousseau lässt grüssen. Wie denn auch ein ganzes Kapitel als eine Art Rousseau’schen Rhapsodie auf die Natur verfasst ist.

(Wer kontrolliert die Kontrolleure? Auf diese Frage antwortet Mercier freilich nicht. Die sind halt so uneigennützig und gut und … )

Keine erbauliche Lektüre also. Warum ich überhaupt zu ihr gegriffen habe? Gemäss der französischsprachigen Wikipedia ist Merciers Werk das erste -literaturgeschichtlich gesehen -, das die Utopie von einem fernen Ort in eine ferne Zeit verlegt. Eine Uchronie also ;). Was Mercier nolens volens zum Stammvater der Science Fiction machen würde. Zum Glück hat dieser schwache Keimling später noch kräftige und schöne Äste und Stämme hervorgebracht …

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7 Kommentare zu Louis-Sébastien Mercier: Das Jahr 2440 / L’An Deux Mille Quatre Cent Quarante

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  2. Julia sagt:

    Deine Kritik, dass keine technischen Neuerungen eingeführt werden ist nicht ganz angemessen, da es sich bei Merciers Werk um eine Utopie, nicht um Sciene-Fiction handelt. Während Sciene-Fiction sich mit dem technischen Fortschritt und dessen Einfluss auf die Gesellschaft beschäftigt, beschäftigt sich die Utopie nur mit gesellschaftlicher Entwicklung, die den technischen Fortschritt mehr oder weniger ausgrenzt (mit wenigen Ausnahmen, wie z.B. Bellamys Telefon-„Radios“). Es war nicht Merciers Absicht ein realistisches Bild von der Zukunft zu malen, seine Zukunftsvision ist – wie im Titel schon angemerkt – ein Traum und als Utopie eben unerreichbar.

    Dein Eindruck, dass seiine Utopie aus heutiger Sicht eher verstörend und selbstfür seine Zeit eher konservativ gedacht ist, trifft natürlich zu, allerdings erregte das Buch nach seiner veröffentlichung durchaus Aufsehen und wurde sowohl vom französischen Staat, als auch der katholischen Kirche verboten, war also keineswegs so „brav“ wie es modernen Lesern erscheinen mag.

    Ich würde allerdings zustimmen, dass das Werk heutzutage keine wirkliche Relevanz mehr hat und höchstens für Menschen mit geschichtlichem Interesse an Utopien oder am französischen Absolutismus lesenswert ist

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