Afro-Pfingsten

So nennt sich ein jedes Jahr an Pfingsten (wer hätte das gedacht?) stattfindendes Gross-Ereignis in Winterthur. Der Begriff „Afro“ im Titel des Ereignisses ist allerdings ein bisschen irreführend. Es ist im Prinzip ein Zweit- und Dritt-Welt-Festival. Letztes Wochenende wurde die Ausgabe 2013 durchgeführt. Ich war vor Ort. Teilweise.

Will sagen: Afro-Pfingsten besteht aus Workshops, Konzerten und Strassenständen. (Auch aus einem Gottesdienst irgendwo, denn selbstverständlich kann sich die Kirche nicht enthalten, das Fest, das den Namen eines ihrer hohen Feiertage annektiert hat, ihrerseits wieder zu annektieren.) Den Gottesdienst, die Workshops und die Konzerte – sofern letztere nicht spontan draussen auf der Strasse stattfanden – habe ich ausgespart. Ich bin schlecht im Tanzen nach südamerikanischen oder afrikanischen Rhythmen, will auch nicht Trommel spielen lernen (Was habe ich davon? In meiner Mietwohnung dürfte ich kaum üben.), „Kochen, Schneidern, Malen oder Schmuck herstellen“ interessiert mich auch nur bedingt und von afrikanischen Läufern „das Geheimnis der Ausdauer“ zu erlernen nun schon gar nicht…

Was die Konzerte betrifft: Afrikanische Musik scheint aus Reggae zu bestehen, aus Soul, aus Samba und aus Tango. Nichts gegen alle diese Stilrichtungen. Aber beim Schlendern durch die Marktstände wird man gerade genug mit Strassenmusikern konfrontiert, die irgendeine dieser Stilrichtungen vertreten. Da will der Schwabe in mir nicht auch noch Eintritt zahlen für nochmals dasselbe. Und irgendwann hat man sowieso das Gefühl, afrikanische Musik bestehe vor allem aus Trommeln. Das ist nett – zu Beginn. Das hat man gehört – sehr rasch.

Bleiben die Stände. Die gefühlte Hälfte verkauft, was Souvenir-Händler vor Ort ebenfalls verkaufen. Afrikanische Masken, Kleider, Schmuck – alles Dinge, bei denen der Händler das Etikett „Made in China“ gerade noch rechtzeitig entfernt hat. Dazwischen ein paar philanthrope Organisationen, die für ihre Ziele werben. Und Stände mit Essen und Trinken. Auch da sind wohl die wenigsten genuin in dem Sinn, dass sie die verkauften Mahlzeiten und Getränke selber herstellen. Das ist bei der Masse an Material auch gar nicht möglich. Dennoch gelingt es, die eine oder andere Entdeckung zu machen. Veganes georgisches Kuskus mit Saiziki-Sauce (sic!) – ich weiss nicht, ob das wirklich indigen ist, aber es hat geschmeckt. Der Inder oder der Äthiopier waren echt in dem Sinn, dass, was sie verkauften, man auch den Touristen vor Ort zu verkaufen pflegt. Geschmeckt hat alles.

Das (geheime) Ziel der Veranstaltung ist wohl, die verschiedenen Kulturen einander ein wenig näher zu bringen. Weshalb es dann keinen literarischen Veranstaltungsteil gibt? Ich würde gern sagen, das entziehe sich meiner Kenntnis. Das tut es zwar, aber die Vermutung, dass da gar keiner hinginge, wenn ein unbekannter Afrikaner Gedichte in seiner Muttersprache läse, drängt sich mir allzu stark auf. Musikalisches und Kulinarisches lassen sich nun mal besser vermitteln als Literarisches. Ein bisschen mit dem Kopf wackeln kann auch der Hiesige, Essen und Trinken sowieso.

Wurde denn das geheime Ziel erreicht?

1. Szene: Ein Vater mit seiner ca. 4-jährigen Tochter. Wir drängeln uns an einer Menschentraube vorbei, die einer kleinen Band dunkelhäutiger Menschen in afrikanischen Gewändern zuhört. Der Vater fragt die Tochter: „Singen die Afrikaner nicht schön?“ Er sagt tatsächlich „Afrikaner“, und der Ton seiner Frage ist recht suggestiv. Aber die Tochter quengelt trotzdem, dass „Nein“ und will weiter gehen. Ich muss ihr Recht geben: Der Lead-Sänger der Band hat tatsächlich die Stimme eines verliebten Uralt-Katers. Er ist ja auch nicht mehr der Jüngste. Und seine Orchester-Begleitung geht in den Weiten der Gasse verloren. Aber wenigstens trommelt da keiner.

2. Szene: Diesmal eine kleine Familie – Vater, Mutter und ca. 8-jährige Tochter. Vater und Mutter halten etwas Exotisches in Händen zum Essen. Die Tochter kriegte – Pommes, mit Mayo und Ketchup. Ich kann’s nachvollziehen: Was der Bauer nicht kennt…

Von Zeit zu Zeit mag ich exotisches „Food“. Von Zeit zu Zeit habe ich auch nichts dagegen, nicht selber kochen zu müssen. Insofern mag ich auch Afro-Pfingsten. Der Grundgedanke, Kulturen einander näher zu bringen und so xenophobe Schranken im Hirn der Leute abzubauen, gefällt mir. Dass allerdings Personen und Kulturen auf den Rang exotisch-touristischer Schaustücke herabgestuft werden, gefällt mir weniger. Mir fehlt die moderne Zweite und Dritte Welt mit ihren Widersprüchen, mit ihrer Zerrissenheit zwischen westlichem „Life-Style“ und Tradition, zwischen purem Luxusleben und Mangel an Elementarem.

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Ein Kommentar zu Afro-Pfingsten

  1. P.H. sagt:

    Übrigens bleibt mir 3 Jahre später nur die Bemerkung, dass der Verein, der Afro-Pfingsten organisiert / veranstaltet hat, in der Zwischenzeit Pleite gegangen ist. Offenbar waren zu viele Leute meiner Meinung, dass man nicht noch für etwas zahlen will, wenn man es draussen auf der Strasse umsonst bekommt. Eine Nachfolgeorganisation hat zwar auch dieses Jahr etwas organisiert – dieser Veranstaltung bin ich aber fern geblieben.

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