Georg Christoph Lichtenberg: Briefwechsel. Band II: 1780-1784

Lichtenberg ist mittlerweile wohlbestallter Professor in Göttingen. Er wird auch – was er selbstverständlich 1780 oder 1784 noch nicht weiss – keine weitere grosse Reise unternehmen. Sowohl England, wohin zu reisen er sich immer wieder wünscht, v.a. wegen der klugen Köpfe und der angenehmen Gesellschaft, die er dort vorgefunden hatte, wie Italien (die Sehnsucht nach diesem Land ist ja nicht erst von Goethe in die deutsche Seele eingepflanzt worden) wird er nie (mehr) sehen.

Sein Ruhm allerdings, sowohl unter Physiker wie unter Literaten, nimmt weiter zu. Unter Physikern vor allem deshalb, weil er als kritischer Kopf es sich von Anfang an in denselben gesetzt hat, keine Forschungsresultate von Kollegen unbesehen zu übernehmen oder zu glauben. Um die elektrischen Versuche eines Volta z.B. nachvollziehen zu können, verschreibt sich der kleine Deutsche teure Instrumente aus England. Die Kosten trägt er dabei selber. Dasselbe gilt für seine Instrumente, um ein Vakuum herzustellen. Lichtenberg stellt auch selber reinen Sauerstoff her, den er sogar an Kollegen und Freunde liefert. Den Sauerstoff braucht er sowohl zu Untersuchungen, die wir heute der Chemie zuordnen würden (ein Eisendraht verbrennt in reinem Sauerstoff mit hell leuchtender Flamme, was in Lichtenberg eine kindliche Freude und kindliches Erstaunen am Phänomen als solchem wachruft), als auch dafür, die Versuche der Franzosen, mittels Ballons in der Luft zu reisen, nachzuvollziehen. Lichtenberg ist dabei vorsichtig genug, seine Ballons eine Nummer kleiner als die der Franzosen zu halten; er will nicht selber in die Luft steigen, ihn interessiert nur das Phänomen als solches, die Bedingungen für dessen Gelingen – und, was man sonst noch mit einem Ballon anstellen kann, z.B., wenn man ihn elektrisiert. In langen Episteln beschreibt der Physiker seine Bemühungen, an geeignetes Material für die Ballon-Hülle zu kommen. Schweinsblasen machen den Anfang, es folgen Fruchtblasen von Rindern und Pferden, auch menschliche, die er für die besten hält. (Dass er, neben all diesen Versuchen, auch bereit ist, einem Engländer zu glauben, der behauptet, aus Quecksilber Gold machen zu können und diese seine Fähigkeit auch vor Publikum demonstriert – allerdings ein einziges Mal nur! – zeigt wiederum Lichtenbergs Gutmütigkeit, die im Grunde genommen von jedem Menschen zuerst einmal das Beste annimmt.)

Daneben hat Lichtenberg in dieser Zeit auch einen herben Verlust hinzunehmen. Seine Lebensgefährtin, Marie Stechard, stirbt am 4. August 1782. Nach ein paar brieflichen Eruptionen scheint Lichtenberg seinen Schmerz wieder in sich einzuschliessen, bis er dann in einem Brief (N° 998 der Sammlung) an seinen Jugendfreund Gottfried Hieronymus Amelung im Herbst 1782 noch einmal ausbricht. Ich kenne – mit Ausnahme der Briefe Lessings anlässlich des Todes von seiner Frau und seinem Sohn im Kindbett – keine Selbstzeugnisse, in denen der Schmerz um den Verlust der geliebten Personen ergreifender ausgedrückt wird. Lichtenberg erzählt seinem Freund, wie er ‘die Stechardin’ als zwölfjährige Blumenverkäuferin kennenlernt und in seinen Haushalt nimmt, um sie vor einem Absinken in die Gosse zu bewahren, und wie sich das Mädchen anschliessend liebevoll um ihn und seine Instrumente gekümmert hat, wie er schliesslich beabsichtigte, sie zu ehelichen, was von ihrem frühen Tod (sie war gerade mal 16!) vereitelt wurde.

Daneben gibt es auch witzige und komische Briefe. So, wenn im Juli 1783 Franz Ferdinand Wolff, mit dem Lichtenberg ansonsten eine durchaus ernsthafte Korrespondenz über physikalische Experimente und Ereignisse führt, plötzlich einen elektrischen Versuch schildert, zu deren Ausführung er einen nackten Mann und eine nackte Frau benötigt, um zu demonstrieren, wie die Elektrizität gewisse Körperglieder zu bewegen vermag, diesen seinen Versuch sogar mit einer Skizze illustriert (Brief N° 1114), worauf ihm Lichtenberg in N° 1116 mit derselben Schein-Ernsthaftigkeit antwortet, wie gut Wolff doch beobachtet habe:

“Sogar der Cartoffel Wanst […] der leeren (ledigen) Mädchen ist ausgedruckt. Sagen Sie um Himmelswillen keinem Menschen, daß ich wüste, daß selbst die unangefüllten Mädchen dicke Bäuche haben, wenn sie horizontal auf dem Rücken liegen, ich käme aufs Junggesellen Carcer.”

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Band I von Lichtenbergs Briefwechsel wurde übrigens hier besprochen.

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