Günter Grass stochert in der deutsch-jüdischen Beziehung herum …

… wie ein Kind im Ameisenhaufen. Entsprechend nervös und aufgeregt rennen nun die Ameisen in Form von literarischen und politischen Kommentatoren herum und machen auf Schadensbegrenzung. Wenn das Kind einen Stock oder einen Ast nimmt, so nahm Grass ein Gedicht: Was gesagt werden muss. Und wie die Ameisen zum Gegenangriff auf das Kind blasen, so wird nun auch Grass angegriffen. So weit, so gut. Ein Autor, der sich ins politische Tagesgeschäft mischt, soll sich dabei angreifbar machen; und ich bewundere Grass’ Mut, sich diesem Sturm nochmals auszusetzen. (Peinlich allerdings empfinde ich die Kommentare ad hominem, die Grass vorwerfen, vor rund 70 Jahren, in einem eigentlich noch gar nicht schuldfähigen Alter von 17 Jahren, Mitglied der Waffen-SS gewesen zu sein. Was wüssten wir davon, hätte Grass dies nicht freiwillig in seiner Autobiografie zugegeben? [Diese Autobiografie, nebenbei, vielleicht Grass’ schwächstes Werk der letzten 15 oder 20 Jahre …] Grass’ Schuld am nationalsozialistischen Genozid ist bedeutend kleiner als die so manchen Politikers, der nach dem Zweiten Weltkrieg mit seinem Persilschein problemlos Karriere machen konnte. Wir schreien im Moment nach absoluten Saubermännern in der Politik. Wie wenn es das geben könnte.)

Inhaltlich bringt Grass ins seinem Gedicht wenig Neues. Wenn da nicht die Tatsache wäre, dass – v.a. in Deutschland! – wer immer den Staat Israel für seine Politik kritisiert, gleich des Anti-Semitismus beschuldigt wird: Die Welt wäre stillschweigend darüber hinweggegangen.

Warum überhaupt ein Gedicht? Warum kein Essay oder Kommentar in einer der grossen Zeitungen oder Zeitschriften? Weil Grass eigentlich wenig zu sagen hat. Und weil, was er zu sagen hat, keine Analyse ist, keinen profunden Kommentar darstellt. Im Grunde genommen drückt Grass ein Gefühl des Unbehagens aus in seinem Gedicht. Ein Unbehagen ob der fortschreitenden, religiös motivierten Radikalisierung im Nahen Osten. (Und, würde ich hinzufügen, nicht nur dort.) Ein Unbehagen ob der Tatsache, dass gewisse Vorkommnisse und Ereignisse hie verschwiegen und bedeckmäntelt, da an den Pranger gestellt werden. Angst wegen der Konsequenzen, eine Angst, wie sie zuletzt wohl im Kalten Krieg existierte.

Grass’ Gedicht ist als Gedicht wenig wert. Als Denkanstoss, selbst wenn man mit Grass nicht einig geht, schon mehr. Ob’s für mehr reicht als ein paar Schlagzeilen über die gegenwärtigen Feiertage, bleibt abzuwarten.

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Ein Kommentar zu Günter Grass stochert in der deutsch-jüdischen Beziehung herum …

  1. mombour sagt:

    Der SS-Vorwurf peinlich, der Vorwurf des Antisemitismus fatal. Im Umkehrschluss hieße das dann, die Leute, die sich der Ansichten von Grass anchließen, seien A….
    Grass hat nur die Politik eines Landes kritisiert, mehr nicht. Mir ist auch dieser Anti-Grass – Tenor in den Medien sehr suspekt, diesen Angriff ich nicht nachvollziehen kann. Ein kleiner Trost. Ganz Deutschland hört und liest einen Dichter (auch wenn das Gedicht als Gedicht eben doch wenig Gedicht ist) und ein wenig fühle ich mich in einem Land der Dichter und Denker. Grass hat aufgerüttelt und das ist in Ordnung. Ich hoffe, dass die Leute, die groß Schelten, schnell wieder zur Besinnung kommen.

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