C. M. Wielands sämmtliche Werke. Achter Band: Geschichte des weisen Danischmend und der drey Kalender. Ein Anhang zur Geschichte von Scheschian. Cum notis variorum.

Natürlich habe ich wieder einmal am falschen Ende angefangen. Nicht nur, dass ich die Ausgabe letzter Hand von Wielands Werken¹ mit dem achten Band beginne: Der darin enthaltene Roman Danischmend (wie ich ihn der Kürze halber nennen will) ist auch noch eine Fortsetzung der in den Bänden 6 und 7 enthaltenen Geschichte von Scheschian – die ich noch nicht gelesen habe…

Das tut dem Lesevergnügen allerdings keinen Abbruch – umso mehr, als nur die ersten paar Kapitel einen Zusammenhang mit Vorhergehendem suggerieren, dann aber die Geschichte rasch in neue Wasser führt. Ganz zu Beginn des Romans nämlich erfahren wir, dass der Sultan und absolute Herrscher Schach-Gebal seinen Berater und Premierminister, den Filosofen Danischmend, in Ungnade fallen, ja im Gefängnis einsitzen liess, weil der Philosoph als Verlierer einer Intrige von Schach-Gebals Lieblingsfrau und dem Hohepriester hervorgegangen ist. Andeutungen über frühere Kabalen setzen beim Leser Kenntnis einer Vorgeschichte voraus. Aber das gibt sich rasch, und mit der Entlassung Danischmends aus der Haft und dessen Landesverweisung bzw. Auswanderung hebt definitiv eine neue Geschichte an.

Danischmend findet bald in Kischmir eine neue Heimat. Abgelegen, idyllisch und nur nominell von einem Nachbarreich abhängig, ist Kischmir ein Ort, wo seit Jahrhunderten nach alter Väter Sitte gelebt wird: Männlein wie Weiblein sind keusch, treu, bedürfnislos, gutherzig. Geführt wird die Gemeinschaft durch eine Versammlung der Ältesten; Priester sind unbekannt oder einflusslos. Wir befinden uns also in einem klassischen Utopia.

Doch dieses Utopia gerät in Gefahr. Die Gefahr kommt von aussen, in Form von drei Kalendern. Unter ‚Kalender‘ versteht Wieland eine Art fahrenden Philosophen – einen Sophisten ‒, der in der Welt herumreist und Übles tut. Den ersten Kalender lädt Danischmend sogar noch in sein eigenes Haus ein und lässt ihn geraume Zeit bei sich und den Seinen verbringen, da er in seiner Gutmütigkeit die Falschheit des Fremden (die der Autor seinem Leser sehr rasch vor Augen führt) erst spät – zu spät! – erkennt. (Natürlich dient diese Konstruktion dem Autor Wieland als Vorwand für verschiedene Dialoge, in denen er die Ansichten Danischmends und des Kalenders aufeinanderprallen lässt, und so gefahrlos verschiedene politische Theorien ausloten kann.) Wie unserm Helden dann die Augen aufgehen, sind schon zwei weitere Kalender eingetroffen, und zusammen führen die drei das naive Volk von Kischmir auf den Weg des Luxus und der Gier nach Reichtum. Es droht gar ein Bürgerkrieg, bei dem zum Schluss die militärische Hilfe ausländischer Mächte beigezogen wird. Erst in letzter Minute kann Danischmend, der unterdessen von seinem Exil in ein weiteres Exil gezogen ist, und sich plötzlich wieder am Hof von Schach-Gebal wiederfindet, diesen (der keineswegs nachtragend ist) davon überzeugen, seinen Schutzschirm auch über jenes kleine Volk auszubreiten, und so die rivalisierenden Lokalmächte davon abzuhalten, es zu ‚befreien‘. Danischmend kehrt zurück in jenes abgelegene Tal – nominell als dessen Beherrscher, aber fest entschlossen, diese seine Herrschaft nur als Vorbild in Worten und Taten auszuüben.

Staatsphilosophie im Gewande einer orientalischen Utopie. Als Utopie überzeugt Wielands Roman nicht so ganz: Sie ist zu simpel gestrickt, der ‚gute Wilde‘ eines Rousseau guckt aus allen Seiten heraus. Allerdings ist Wieland zuzugestehen, dass er eine gefährdete Utopie beschreibt, eine, die letzten Endes dann doch nur von aussen, durch die überlegene Staatskunst und Militärmacht eines im Grunde genommen zwar gutmütigen, aber willenlosen und dekadenten Herrschers und seiner Clique gerettet wird. Es handelt sich, genau genommen, um eine Rettung als ‚Kollateralschaden‘, denn das Völkchen von Kischmir ist dem Herrscher herzensegal; eigentlich wollte er eine neue Geliebte erobern und wird zu seinen politischen Taten nur verführt.

Zum Lesespass wird der Roman einerseits durch die immer wieder geführten kleinen ironisch-satirischen Seitenhiebe gegen die (absoluten) Herrscher ebenso wie gegen die Philosophen. Das orientalische Setting ermöglicht Wieland den einen oder andern herrschaftlichen Hieb, den er sich im Klartext hätte verkneifen müssen. Zum Lesespass tragen aber auch in grossem Mass die sogar im Titel erwähnten Fussnoten bei, die im Stil mittelalterlicher Scholien den Text (oder ein anderes Scholion!) zu kommentieren vorgeben, in Wahrheit aber kleine satirische und/oder metatextliche Exkurse darstellen. Man verzeiht Wieland den platten Schluss mit persönlichem wie staatlichem Happy Ending, denn unterm Lesen hat man sich köstlich amüsiert.

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¹ Ursprünglich erschienen bei Göschen ab 1794, gelesen im Reprint der Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur, Nördlingen: Greno, ²1984.

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