Ngũgĩ wa Thiong’o: Herr der Krähen

Kamĩtĩ ist Bürger der ‚freien Republik‘ Aburĩria. Aburĩria ist in Tat und Wahrheit weder frei noch Republik, sondern einem so genannten Herrscher, seiner allmächtigen Vortrefflichkeit (also einem Diktator), unterworfen. Damit könnte Kamĩtĩ leben; im Gegensatz zu andern Figuren in diesem Roman hat er keinerlei Ehrgeiz – er möchte nur leben, überleben. Doch das ist schwierig; obwohl Kamĩtĩ ein Studium absolviert hat und dies sogar im Ausland, findet er keine Arbeit. Nicht als Bürobote, nicht als Müllmann – nichts.

Dies ist die Ausgangslage des Romans, der sich im folgenden zu einer hübschen Satire über Diktaturen, Diktatoren und deren Günstlinge entwickelt. „Umwerfend komisch“, wie es die Süddeutsche Zeitung gemäß Klappentext will, ist der Roman zwar schon, aber das Lachen über diese dummdreiste Diktatur bzw. ihre Hampelmänner bleibt einem dann doch im Hals stecken – weil Diktaturen und ihre Hampelmänner genau so dummdreist sind. Wenn man sie von aussen betrachten kann. Und so fürchterlich, wenn man ihr Opfer geworden ist. Das Buch erinnert in vielem an Charlie Chaplins „The Great Dictator“.

Dabei erfahren wir viel über das Leben in Aburĩria. So begleiten wir Kamĩtĩ auf seiner Job-Suche, wir erleben, wie er von Titus Tajirika, einem kleinen Bauunternehmer, nicht nur schikaniert, sondern geradezu bloss gestellt wird. Tajirika nämlich hatte das Glück, zum Vorsitzenden des kolossalen Bauprojekts „Marching to Heaven“ ernannt zu werden, weil man ihn als harmlosen und unwichtigen Gefolgsmann der Regierung betrachtete. Hunger und Verzweiflung führen bei Kamĩtĩ zu einer Art Nahtoderfahrung, bei der sein Geist seinen Körper verlässt. Dieser Körper wird dabei beinahe von drei Müllmännern verscharrt, im letzten Moment kommt Kamĩtĩ wieder zu sich. Er beschliesst, seine Würde über Bord zu werfen, und, wie so mancher andere auch, seinen Lebensunterhalt tagsüber mit Betteln zu verdienen, nur noch abends und nachts einen Job zu suchen. Bis hierher bleibt der Roman ziemlich realistisch.

Doch schon der erste Tag des Bettelns geht schief. Kamĩtĩ gerät in eine politische Demonstration, die von der Polizei mit Gewalt aufgelöst wird. Er flieht, dabei einem andern Bettler nachrennend, hinter den beiden drei Polizisten. Bald haben die beiden Bettler alle Polizisten abgehängt und sich in einem Haus in Sicherheit gebracht. Um diese Sicherheit vollkommen zu machen, bastelt Kamĩtĩ aus einer toten, halbvertrockneten Kröte und andern Utensilien einen Fetisch, den er vor die Tür hängt, zusammen mit einem Schild, dass hier der „Herr der Krähen“ wohne und nicht gestört werden wolle. Das funktioniert besser als erwartet, denn nicht nur lässt sich der dann plötzlich doch noch auftauchende letzte durchhaltende Polizist davon abschrecken, dieser kommt sogar am folgenden Tag wieder und will die Hilfe des Zauberers erhalten, um in seinem Job in der Hierarchie voran zu kommen.

Kamĩtĩ, der gerade eben noch von Tajirika wie ein Halbidiot bloss gestellt worden war, zeigt plötzlich grosse (tiefen-)psychologische Einsicht und kann in bester therapeutischer Manier den Polizisten dazu bringen, selber die Tür zu einer Karriere aufzutun. Der „Herr der Krähen“ aber wird zu einer lokalen Berühmtheit, immer mehr Menschen pilgern zu seinem Schrein. Zuletzt wird er sogar in die USA gerufen, um eine merkwürdige Krankheit des Herrschers zu heilen. Der ist mittlerweile nämlich dorthin gereist, um bei der Global Bank einen Kredit für sein Mammutprojekt zu erhalten. Die Frustration darüber aber, dass er, der zu Hause Gott in Person ist, in den USA weniger als ein kleines Würstchen ist, hat ihn erkranken lassen. Kamĩtĩ reist, lässt aber seine Stellvertreterin und Geliebte, Nyawĩra, zurück – so die Verwirrung erhöhend, weil der „Herr der Krähen“ offenbar gleichzeitig in den USA und in Aburĩria sein kann.

Nyawĩra hat, wie wir im Laufe des Romans erfahren, auch eine leitende Funktion in der Widerstandsbewegung inne; und so sehen wir, wie Kamĩtĩ zusehends politisiert wird, zuletzt ebenfalls dem Widerstand beitritt. Ngũgĩ wa Thiong’o lässt uns hinter die Kulissen weltpolitischer und -wirtschaftlicher Machenschaften blicken, wenn er die Versuche des Herrschers schildert, an Geld der Global Bank zu kommen. Wir erleben die Intrigen am Hof des Herrschers, der eine delikate Balance aufzubauen wusste, in der sich die wichtigen Minister aus Angst und Speichelleckerei gegenseitig neutralisieren und ihm so nicht zur Gefahr werden. Der Herrscher wird erst gestürzt, als er diese Balance selber zerstört, und der Emporkömmling Tajirika, den er als Feigling eingestuft hat, und deshalb nicht ernst nehmen zu müssen meinte, zum Staatsstreich ausholt. (Und selbstverständlich ändert der Staatsstreich nichts an den dikatorischen Strukturen; nur die Ämter-Bezeichnungen wechseln und die Namen auf den ministerialen Türschildern.)

Alles in allem eine vergnügliche Lektüre, selbst wenn Ngũgĩ wa Thiong’o für meinen Geschmack des öftern seine Übertreibungen allzu sehr übertreibt. Auch habe ich den Verdacht, dass Kamĩtĩs Ausflüge in eine buddhistisch angehauchte Esoterik nicht zynische Anwandlungen eines aufgeklärten Menschen des 21. Jahrhunderts darstellen sollten, sondern vom Autor echt und ehrlich gemeint sind. Ngũgĩ wa Thiong’o lehnt sich stark an den magischen Realismus der Südamerikaner an; das Resultat ist allerdings ein bisschen zwiespältig, denn im Gegensatz zu ihm sind die Südamerikaner alles andere als Esoteriker.

Dennoch: eine amüsante Lektüre, auch wenn es ein Amüsement des Grauens ist, das den Leser packt.

Dieser Beitrag wurde unter Roman abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Ein Kommentar zu Ngũgĩ wa Thiong’o: Herr der Krähen

  1. Pingback: Bob Dylan erhält den Nobelpreis für Literatur 2016 | litteratur.ch

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.