C. M. Wielands sämmtliche Werke. Zehnter Band

(Wenn ich schon nicht in einer Reihenfolge lese, dann richtig…)

Im zehnten Band seiner Werkausgabe vereinigt Wieland einige seiner kleineren und älteren Schriften:

  • Die Grazien.
  • Komische Erzählungen [Diana und Endymion / Das Urtheil des Paris / Aurora und Cefalus]
  • Kombabus.
  • Schach Lolo.

Wieland wurde bekanntlich vom Göttinger Hainbund, unter Klopstocks Federführung, hart angegriffen ob der Unmoral seiner Erzählungen. Heute, 250 Jahre nach diesem Literaturstreit, ist dieser fast nicht mehr nachvollziehbar. Zum einen ist Wielands Unmoral für heutige Verhältnisse eine sehr, sehr milde. Zum andern ist aus heutiger Sicht die Verwandtschaft der Autoren grösser, als sie von den Zeitgenossen wahrgenommen wurde, und wir können nicht umhin, Wielands Frühwerk (zumindest auf den ersten Blick) ebenfalls in der Gegend jener tändelnden Anakreontik anzusiedeln, in der sich der Hainbund meist bewegte. Der zweite Blick enthüllt allerdings, dass Wielands “Anakreontik” mehr als nur Anakreontik ist, sondern etwas durchaus weltanschaulich Untermauertes. Schon früh geht es Wieland nicht einfach nur ums Tändeln. Wieland sucht und propagiert eine Mitte zwischen gedankenleerem Welt- und Sinnesgenuss hier und gedankenschwerer Weltverachtung dort. Vereinfacht gesagt, soll das Schöne mittels der Liebe in das Kluge integriert werden, und so das Kluge noch klüger und weltgewandter werden.

Die Grazien

In sechs “Büchern” und teils in Prosa und teils in Versen will Wieland einer in der Vorrede so genannten Danae “die Geheimnisse meiner geliebten Göttinnen […] verrathen.” Und so erzählt uns der Autor denn, wie die Göttinnen inkognito (ja, sich selber unbekannt) auf dem Land aufwachsen, bis sie der Gott Amor ihrer eigentlichen, göttlichen Bestimmung zuführt. Sie verbinden nun Schönheit mit Einfachheit, würden sogar einen Schönheitswettbewerb gewinnen, wenn sie ihn nicht dahingehend umbögen, dass doch für jeden Mann seine Geliebte die Schönste sei, und zum Schluss wird gar eine von den Grazien vermählt – mit dem Gott des Schlafs. Denn nur wenn sie ihm ein Liedchen singt, kann der schlafen – und mit ihm die ganze Natur inkl. alle Gottheiten im Olymp. Und das ist gut so, heisst doch Schlafen auch Träumen und die Träume sind der vielleichte beste Teil des Lebens.

Komische Erzählungen

Wir dürfen hier unter “komisch” keineswegs Erzählungen erwarten, bei der Lektüre sich der geneigte Leser vor Lachen verbiegen kann. “Komisch” wird von Wieland im Sinn von “scherzhaft” verwendet, also nicht todernst zu nehmende Erzählungen. Wie denn auch der Untertitel der ersten Erzählung, Diana und Endymion, “Eine scherzhafte Erzählung” lautet. Wieland nimmt die antike Mythologie gerne zum Vorbild, ohne ihr sklavisch zu folgen, sie todernst zu nehmen. Schon in die erste der drei “komischen Erzählungen” dieses Bands, eben die von Diana und Endymion (von 1762), flicht der Autor immer wieder Seitenhiebe auf bekannte Denker aller Epochen ein, und lässt zum Schluss sein Liebespaar die Erfüllung in einer Art Tagtraum geniessen. Die zweite, Das Urtheil des Paris, schildert ausführlich, wie der Königssohn – wenig mehr als ein Hirtenjunge – die drei um den Apfel buhlenden Göttinnen zu allerhand gewagten Dingen verführt, so z.B. dazu, sich ihm nackt zu zeigen oder den einen und andern Kuss zuzugestehen. Auch Aurora und Cefalus erzählt eine Liebesgeschichte im antiken Gewand, wo Wieland unter dem Deckmantel der antiken Freizügigkeit selber freizügig sein darf.

Kombabus

Mit dem Untertitel “Oder was ist Tugend?“, der schon Wielands Hintergedanken ganz klar anzeigt. Nach eigenem Bekunden hat Wieland den Stoff beim antiken Spötter Lukian gefunden. Es ist einmal mehr die Geschichte des weisen Ratgebers eines unbeschränkt herrschenden Potentaten, der sich in letzter Sekunde vor der Hinrichtung retten kann, weil er in überlegener Manier die Entwicklung am Hofe vorausgesehen und ihr vorgebeugt hat. Hier wird Wieland politisch. Der politische Kritiker wiederum benutzte ein derartiges Schema und das dazu gehörende antike Gewand gern.

Schach Lolo

Wenn es nicht die Antike ist, ist es der Orient, in dem der politische Autor Wieland seine Geschichte ansiedelt. So in dieser Erzählung von 1778, deren Titel im Gesamten lautet: “Schach Lolo. Oder das göttliche Recht der Gewalthaber. Eine morgenländische Erzählung.” Der absolute Herrscher hier, der Titelheld Schach Lolo, wird geschildert als “am Herzen kalt, an Sinnen stumpf“. Er lässt seinen zaubermächtigen Premierminister hinrichten, und wird doch von diesem noch nachträglich selber umgebracht, mittels eines Buchs mit vergifteten Seiten. (Sapienti sat.)

Bei all diesen Erzählungen gilt: Man mag nur ihre Oberfläche betrachten, was die meisten von Wielands Zeitgenossen wohl taten, der Göttinger Hain inbegriffen. Dann hat man glänzende und glatt polierte Kieselsteine in einem fröhlich plätschernden Bach gesehen – und das ist schon viel. Man mag diese Kieselsteine herausheben und beim näheren Betrachten das eine oder andere Goldkörnchen darin finden, die eine oder andere tiefere (politsche und/oder philosophische) Bedeutung. Das ist auch gut. Immer aber ist die Lektüre von Wieland dank der Sprache und dem unprätentiösen Wesen des Autors ein Genuss.

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