Die Horen. Jahrgang 1795. Siebentes Stück

Das Siebente Stück der Horen bringt wieder allerlei Kurzware von unterschiedlicher Qualität.

Als erstes ist die Reihe an J. B. Erhard mit seinem philosophischen Aufsatz

Die Idee der Gerechtigkeit als Princip einer Gesetzgebung betrachtet.

Im Grunde genommen ist es eine auf Kant’scher Grundlage stehende Auseinandersetzung mit Platons Staat. Erhard will nicht so recht Position fassen, aber mir scheint, dass er die Gerechtigkeit als freiwilliges Unterwerfen unter ein höheres Prinzip des Staates ansieht – gerechtfertigt durch die Lehren Christi. Ähnlich hat ja im Grunde genommen auch Kant argumentiert.

Solche Artikel sind nicht ohne politischen Zündstoff; und es wundert mich – gelinde gesagt – wie sehr sich der Herausgeber Schiller doch immer wieder um sein eigenes Prinzip foutiert, Die Horen als unpolitische Zeitschrift zu führen. Wenn Erhard Platons Staat als „Republik“ übersetzt, so folgt er damit zwar durchaus der gängigen Tradition; aber ich vermute doch, dass er wie Schiller sich der aktuellen Konnotation auf dem Hintergrund der Französischen Revolution bewusst waren.

Kein blendender Aufsatz, aber in diesem Stück der Horen der einzige, der philosophisch tingiert ist.

Dante’s Hölle.

August Wilhelm Schlegels Aufsatz zur Divina Commedia wird nun auch endlich fortgesetzt. (Zuletzt lasen wir im Vierten Stück davon.) Schlegel erweist sich einmal mehr als erstklassiger Literaturkritiker. Er übersetzt, er kommentiert (nicht ohne ironische Seitenhiebe auf den sonst von ihm sehr geschätzten Dante!), er vergleicht auch verschiedene Ausprägungen der Gestalt des Teufels in der (grossen) Literatur: Dante, Milton, Goethe. So macht Komparatistik, so macht Literaturkritik Spass.

Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten.

Auch Goethes Novellen-Sammlung wird endlich wieder einmal fortgesetzt. Nicht wirklich zu meiner Freude, umso mehr, als Goethe hier mit einer weiteren „moralischen Erzählung„, wie er es den alten Hausfreund nennen lässt, fortfährt. Ich hätte, um ehrlich zu sein, an der einen schon genug gehabt, aber Goethe lässt die Baronesse eine weitere wünschen, und der alte Pfarrer willfährt ihr. Die zweite ist in Deutschland angesiedelt, und so fällt auch das exotische Timbre der ersten völlig weg.

Ich bleibe dabei: Goethe ist kein Prosa-Autor; und wenn er gar anfängt zu moralisieren, wird er mir nachgerade unterträglich. Und wenn ich nun Goethes Prosa-Stil so unmittelbar vor, während und nach dem Wielands zur Kenntnis nehme, verstärkt sich meine Widerborstigkeit noch.

Dazu kommt eine offenbar äusserst nachlässige Redaktion, die diesen Abschnitt der Unterhaltungen mit einem Nachtrag zur letzten Geschichte beginnen lässt (die ebenfalls, wie Schlegels Bemerkungen zu Dante, im Vierten Stück figurierte) und das Ende der aktuellen Erzählung noch nicht bringt. Ein spannender Cliffhanger allerdings sähe anders aus…

Nun folgen etwelche Gedichte:

Die Dichtkunst.

von Johann Heinrich Voß. Darüber gibt es wenig zu sagen. Voß war ein guter Übersetzer, als Verseschmied sind seine Themen (gelinde gesagt) fragwürdig und die Ausführung der Themen (die Versifikation) routiniert, aber farblos. Passons.

Der Dorfkirchhof.

Karl Ludwig von Woltmann. Was die alten griechischen Mythen auf einem christlichen Dorfkirchhof verloren haben könnten, erschliesst sich mir nicht. Barock meets Romantik, aber ironisch – wie ein ähnlicher Mix bei Niebelschütz – ist es nicht gemeint.

Lethe.

Selber Autor, ähnliches Thema. Allerdings diesmal nur bei den alten Griechen angesiedelt, was es etwas weniger seltsam und peinlich macht. Aber Woltmann geht doch schon stark in die Richtung, die späteren Generationen die Romantik so unerträglich machte…

Saladin und der Sklave.

von Gottlieb Konrad Pfeffel. Ton und Inhalt balladesk. Die Geschichte eines Sklaven, der einen Sklavenaufstand an den Sultan Saladin verrät und dafür freigelassen und gelobt wird. Wiederum sehr politisch, dieses Stück – diesmal aber eindeutig im Sinne der Herrschenden verfasst.

Die Dichtkunst und die Weihe der Schönheit, beide von Voß, sind offenbar in beigelegten Blättern noch vertont worden, was die Reproduktion im Internet ausweist. Diese Notenbeispiele fehlen im Reprint, den ich lese (Verlag Hermann Böhlaus Nachfolger, Weimar, 2000). Ich denke nicht, dass viel dabei verloren ging.

Mit einer Ausnahme (Schlegel) also wieder einmal eine eher mediokre Ausgabe von Schillers Zeitschrift.

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2 Kommentare zu Die Horen. Jahrgang 1795. Siebentes Stück

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