Anmerkungen zu Bezzels Wittgensteineinführung

Eine sehr fragwürdige Einführung in das Werk Wittgensteins. Bezzel geht mit seinem Protagonisten recht unkritisch um, ein Problem, dass sich bei Biographien bzw. Werkeinführungen immer wieder ergibt, da derjenige, der sich zu einem solchen Buch entschließt, zumeist auch ein Anhänger der Philosophie des Betreffenden ist.

Der Autor bemüht sich um die Einheit Wittgensteins: Er versucht nachzuweisen, dass bereits im Tractatus die später entwickelte Sprachspielphilosophie in nuce enthalten ist. Hier kann man ihm noch folgen (wenn auch dieser Zusammenhang in Janik, Toulmin – Wittgensteins Wien) sehr viel besser und klarer dargestellt wird). Die Art und Weise, wie er verschiedene Punkte hingegen abhandelt, ist schwer nachvollziehbar und ermangelt – wie eingangs gesagt – jedweder Kritik. So werden etwa im Kapitel „Philosophie“ die verschiedenen Begriffsbestimmungen Wittgensteins aufgelistet, u. a. auch jener berühmte Satz, dass die „philosophischen Probleme Missverständnisse sind, die durch die Klärung der Regeln, nach denen wir die Worte gebrauchen wollen, zu beseitigen“ seien. Einerseits kann man in diesem Satz das sehen, was Carnap später als „Scheinprobleme“ abgetan hat: Die Sprache muss sich auf die Wirklichkeit beziehen, die Wahrheit eines Satzes ist seine Verifikation. Eine solche Ansicht hat sich zwar in mancher Hinsicht als fruchtbar erwiesen (etwa in der Kritik allzu abgehobener Metaphysik), konnte aber in seinem Anspruch nicht aufrecht erhalten werden. Man kann sich durchaus sinnvoll über nicht verifizierbare Sätze unterhalten und Wittgenstein hat das später auch eingesehen. Insgesamt zeugt dieser Satz aber von einer generellen Überschätzung der Sprache: Die klare Ausformulierung eines Problems mag seine Lösung erleichtern, ist aber nicht diese Lösung selbst.

Und deshalb finden sich später bei Wittgenstein auch Sätze über die Ethik (über die ja eigentlich – dem Schlusssatz des Tractatus entsprechend – geschwiegen werden müsste). Was sich dann folgendermaßen liest:

„Immer wieder komme ich darauf zurück, dass einfach das glückliche Leben gut, das unglückliche schlecht ist.“
„Man scheint nicht mehr sagen zu können als: Lebe glücklich!“
„Und das Schöne ist eben das, was glücklich macht.“

Das klingt durchaus einleuchtend, auch nicht wirklich neu (die Gleichsetzung von gut, schön, glücklich in leicht abgewandelter Form findet sich schon bei Sokrates), ist aber als ethische Grundlage unbrauchbar bzw. vollkommen unausgegoren. Ethik beginnt dort, wo nicht nur das Glück des einzelnen, sondern auch das der anderen Berücksichtigung findet. Was mich glücklich macht (und also nach Wittgenstein gelebt werden sollte), macht möglicherweise einen anderen unglücklich. Hier beginnen die Probleme einer Moral, wenn sie sich nicht in bloßen Lebensregeln und Kalendersprüchen ergehen soll. Man kann versuchen, das alles formal im Sinne Kants zu regeln (stößt aber sofort auf das Problem, dass das, was zum Gesetz und damit für alle gültig sein soll, keineswegs außer Streit steht: Wenn Kant in diesem Zusammenhang auf das Beispiel verweist, dass niemand wollen kann, bestohlen zu werden, so sieht er sich gegenüber kommunistischen oder anarchistischen Gruppen bereits im Widerspruch: Diese würden diesen absoluten Schutz des Eigentums keineswegs in Stein meißeln wollen). Da man bereits bei solch grundlegenden Fragen keinen Konsenz erzielen kann, lässt sich das Problem formal offenbar nicht lösen: Denn hier wird eine Ethik vorausgesetzt, die eigentlich erst begründet werden soll.

So bleibt für moralische Fragen nur ein kompliziertes Abwägen von Interessen, mannigfaltigen kulturellen, politischen, gesellschaftlichen Forderungen und Fragen ausgesetzt, die in einer langsamen, sukzessiven Annäherung eine Art „größtmögliches Glück der größtmöglichen Gruppe“ erreicht, erreichen soll, wobei sich andererseits gerade Menschenrechte dadurch auszeichnen, dass auch Minderheiten ihre Ansprüche berücksichtigt finden. Von all dem, von diesem ganzen Wust an Folgen, Bedenklichkeiten, Widersprüchen erfährt man bei Wittgenstein nichts – und Bezzel findet einzig zur Feststellung, dass „der asketisch wirkende Wittgenstein sich als Hedonist zeigt“. Soso. Das tun so manche, Fußballer, Klempnermeister und Feuerschlucker – und weil diese keine philosophischen Ansprüche stellen, so ist das auch nicht weiter zu kritisieren. Wittgenstein hingegen hat – obschon er es in seinem ersten Werk zu tun versprochen hatte – keineswegs geschwiegen: Und so darf man durchaus ein wenig mehr von ihm in ethischer Hinsicht verlangen als ein müdes „carpe diem“.

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