A. E. van Vogt: The World of Null-A [Die Welt der Null-A]

Wir schreiben das Jahr 2650. Gilbert Gosseyn hat sich auf der Erde in die Hauptstadt begeben, um an den „Spielen“ der „Maschine“ teilzunehmen. Die „Maschine“ ist ein fast omnipotenter Super-Computer, deren Entscheiden sich die Menschen unterworfen haben. Die „Spiele“ werden von der „Maschine“ veranstaltet, um die besten Leute für den (gehobenen?) Staatsdienst und andere lukrative Posten zu finden. Die Aller-Allerbesten werden in den elitären Zirkel derer aufgenommen, die die Regeln des Null-A festlegen. Diese leben auf der Venus (der Welt der Null-A), ohne Herrscher, weil die Null-A in der Lage sind, ihre Emotionen so zu kontrollieren, dass sie keine Regeln des Zusammenlebens brauchen, niemanden, der diese Regeln aufstellt oder deren Einhaltung überwacht.

So in etwa. Denn bereits beim Versuch, die Voraussetzungen des Plots zu skizzieren, zeigt sich die grosse Schwäche dieses Romans: A. E. van Vogt hat gute Ideen, die Ausführung dieser Ideen vermittelt dann aber den Eindruck einer flüchtigen Skizze, die noch ausgearbeitet werden müsste. Vieles an der Geschichte ist widersprüchlich, ohne dass die Widersprüche an sich sinnvoller Teil des Erzählens wären.

Eine kleine Exkursion: Null-A ist ein durchaus reales Konzept. A. E. van Vogt stützt sich dabei auf die „Allgemeine Semantik“ genannte Theorie des Ingenieurs und Linguisten Alfred Korzybski. Der Schlüsselsatz dieser Theorie – den auch van Vogt von einem Protagonisten zitierten lässt – lautet: Die Landkarte ist nicht die Landschaft. Korzybski will damit darauf hinweisen, dass sich der durchschnittliche Mensch dazu verführen lässt, Worte und Begriffe zu hypostasieren, für Realität zu nehmen, was nur (mehr oder weniger gelungene) Beschreibung der Realität ist. Das führt zu Irrtümern und Fehlern. Korzybskis Theorie wurde vor allem therapeutisch rezipiert und umgesetzt: Transaktionsanalyse, systemische Therapie oder auch NLP entnehmen ihr wichtige Grundvoraussetzungen. Ende der Exkursion.

In A. E. van Vogts Erde des Jahres 2650 nun ist Null-A zu einer mentalen Technik geworden, die den Leser im Weitesten an Praktiken des Zen erinnert, aber auf Grund der Tatsache, dass Null-A sozusagen stufenweise erlernt und erweitert werden kann, auch an Praktiken der Scientology. (Der Autor war bekanntlich Anhänger der Dianetik, hat sich aber bei deren Umformung in die Sekte der Scientology von seinem Freund Hubbard distanziert.)

Gosseyn nun ist zwar trainierter Null-A, wird aber nicht zu den „Spielen“ zugelassen, weil ein Lügen-Detektor feststellt, dass er nicht der ist, der zu sein er vorgibt, gleichzeitig aber lügt Gosseyn nicht, weil er selber fest davon überzeugt ist, erlebt zu haben, was er eben nicht erlebt hat. Beide Themen wären schon für sich genügende Grundlage gewesen für eine spannende Geschichte: Die allmächtige Maschine, der sich alle Menschen unterwerfen; der Einzelgänger ohne Vergangenheit, auf der Suche nach derselben. Doch van Vogt mixt noch mehr dazu: Nicht nur die Null-A, nicht nur die Venus – es tobt auch noch ein intergalaktischer Krieg, bei dem die Bevölkerung von Venus das Bauernopfer sein soll, damit „Enro der Rote“ (Nomen est Omen!) die Herrschaft über die Galaxis übernehmen kann. Zu diesem Zweck wurde die Regierung der Erde unterwandert, aber die Verschwörer intrigieren unter- und gegeneinander, was in sich wieder ein grandioses Thema hätte sein können. Im Regierungspalast wurde ein „Distorter“, ein Störsender, installiert, der die „Maschine“ partiell lähmt. Und mitten drin Gosseyn, der dazu auserwählt zu sein scheint, die Welt (oder zumindest Venus) zu retten – ein grosses Thema der Trivialliteratur. Es stellt sich im Lauf der Geschichte heraus, dass Gosseyn über eine relative Unsterblichkeit verfügt: Sein Körper kann getötet werden, sein Geist (oder was auch immer genau) wird in einen neuen, identischen Körper transferiert. Noch ein grandioses Thema. Ebenfalls erfahren wir, dass Gosseyn über extra Hirnmasse verfügt. Wie Gosseyn im Lauf der Geschichte lernt damit umzugehen, stellt sich heraus, dass diese extra Hirnmasse es ihm ermöglicht, Stunts auszuführen wie Telekinese oder Teleportation. Ein weiteres grandioses Thema. Wenn ich nun sage, dass das Buch keine 275 Seiten umfasst, wird wohl klar sein: So viele Themen können auf so wenig Seiten gar nicht erschöpfend behandelt werden. Tatsache ist: A. E. van Vogt tippt sie kaum an. Es kommt hinzu, dass der Ablauf der Geschichte reichlich wirr ist, in vielen Fällen die Motivation der Personen, nun gerade so und nicht anders zu (re-)agieren, dem Leser unverständlich bleibt. Crang und Gosseyn, die beiden prominenten Null-A der Geschichte, handeln im Grunde genommen nicht aufgrund anderer Überlegungen als ihre A-Kontrahenten, womit auch dieser Punkt der Story irgendwie sinnlos bleibt. (Null-A – van Vogt präzisiert sogar, dass in mündlicher Rede „Null-A“, schriftlich „Ā“ verwendet wird – ist für den Autor offenbar verschiedenes: logisch-semantische Theorie, Technik des Denkens und die Personen, die diese Technik beherrschen.)

Alles in allem: Ein Fundus guter und zum Teil sogar philosophisch interessanter Ideen, und deswegen wohl ist der 1945 erschienene Roman zum Klassiker der Science Fiction geworden. Die Ausführung ist einigermassen wirr geraten, und das liegt sicher nicht nur daran, dass Die Welt der Null-A nur der erste Teil einer Trilogie ist. (Um nicht davon zu reden, dass z.B. das Bild der Frau noch das typische der Mitte des 20. Jahrhunderts ist – Null-A und anarchische Regierungsform auf Venus hin oder her. Auch die futuristische Technik beruht auf den guten alten Röhrendioden und ähnlichem.)

Nachtrag: „A“ in „Null-A“ steht für „Aristoteles“ bzw. „aristotelisch“, weil van Vogt (und Korzybski?) davon ausgeht, dass die allgemein übliche Sichtweise der Dinge – eben die, die von der Landkarte ausgeht, nicht von der Landschaft – von Aristoteles initiiert und uns quasi weitergegeben wurde. Das stimmt insofern, als dass die klassische Logik natürlich keine Logik der Tatsachen, sondern eine Logik der Aussagen (über Tatsachen) ist. Der Naturforscher Aristoteles allerdings war durchaus in der Lage, beobachtend und ohne Vorurteil an die Dinge heranzugehen. A. E. van Vogt seinerseits aber geht selbst in diesem zentralen Zusammenhang offenbar an die Dinge als „A“ heran und nicht als „Ā“…

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