Daniel Defoe: Robinson Crusoe

Meine Kenntnis von Robinson Crusoe war jene des Jugendbuches: Der auf ein verdauliches Maß zugeschneiderte Aufenthalt des Gestrandeten auf einer einsamen Insel, dem nach vielen Jahren der Einsamkeit ein Gefährte zugesellt wird – Freitag. Tatsächlich ist dies die sehr verkürzte Darstellung des ersten Teiles und damit eine rein handlungsorientierte Zusammenfassung, die den eigentlichen Intentionen des Autors ganz und gar nicht entspricht.Die Bedeutung dieses Romans liegt darin, dass er einen der ersten, wenn nicht den ersten bürgerlichen Roman überhaupt darstellt. Findet man bis zu diesem Zeitpunkt hauptsächlich die Darstellung des Phänotypischen oder die Aufbereitung historischer Vorkommnisse, so tritt im Robinson Crusoe erstmals der einzelne, realistisch gestaltete Mensch uns gegenüber, nicht Inbegriff einer oder mehrerer Eigenschaften, nicht eine geschichtliche Gestalt, sondern ein Individuum, eine für das Publikum greifbare Identifikationsfigur. Diese Identifikationsmöglichkeit wird durch diese realistische Herangehensweise verstärkt: Keine phantastischen Überhöhungen im Stile Cervantes’ – sondern das nur potentiell Mögliche wird geschildert. Und Defoe verteidigt nicht zufällig in der Einleitung zum zweiten Teil diesen Realismus, der da von skeptischen Lesern bezweifelt wurde.

Neben dieser literarhistorischen Perspektive ist das Buch aber ein zweifelhafter Kunstgenuss: Abenteuerroman meets Erbauungsepistel. Defoe ist bekennender Fatalist, ein Protestant, für den Gott die Welt in seiner Hand hält, mit ihr spielt und dessen sämtliche Bewohner schon verteilt sind in die 144000 Erwählten und dem Rest der auf dem Bratenrost verkümmernden Menschheit. Ein Fatalist, der – wie alle Vertreter dieser Couleur – natürlich keine philosophische Stringenz beanspruchen kann. Denn der konsequente Determinismus verhindert jede vernünftige, auf – echte oder scheinbare – Freiheit sich berufende Aktivität. So stellt sich Defoe (und auch sein Held Crusoe) als ein großer Wissender und Interpretierender dar – a posteriori: Alles Erleben, das Schicksal wird im Anschluss gedeutet als Gottes weiser Ratschluss, ein teleologischer Lebenslauf, dem aus seinem Geschehen und seiner Vergangenheit Notwendigkeit zuerkannt wird.

Crusoe wird also während seiner Einsamkeit die Erkenntnis zuteil, dass es Gott gefallen habe, ihn auf diese Insel zu bringen. Und alles nachfolgende wird in dieser Form interpretiert (mit all den Inkonsequenzen, die solche Determiniertheit mit sich bringt), weshalb er es sich angelegen sein lässt, die sich zunehmend bevölkernde Insel zu christianisieren (hier nimmt Defoe eine “tolerante” Haltung ein, in dem er einen französischen und also papistischen Priester zum Werkzeug von Gottes Vorhersehung macht); und wenn auch manchmal Tendenzen einer die Menschheit umfassenden Toleranz (die auch die “Wilden” miteinbegreift) spürbar sind, so vermag er sich keinesfalls aus seiner ethnozentristischen Grundhaltung zu befreien. Crusoe und dem Priester ist somit auch die religiöse Legalisierung der Beziehungen auf der Insel ein größeres Anliegen als etwa der Status der Sklaven und Wilden, die mit unausgesprochenem Selbstverständnis als Menschen zweiter Klasse betrachtet werden. Gerade diese Christianisierungsabschnitte sind in ihrer Doppelmoral äußerst ungustiös – auch deshalb, weil sie mit Sicherheit den Gepflogenheiten des beginnenden 18. Jahrhunderts entsprachen und durch ihre scheinbar tolerante Haltung das Abstoßende dieser Missionierungen besonders hervortreten lassen.

Viele andere Teile (die immer wieder – post mortem, was zumeist die Bösen (= Wilden) betrifft – von dem Satz von Gottes Ratschluss flankiert werden) sind bloße Abenteuergeschichten: Gemetzel zwischen indigenen Völkern und den Weißen, wobei Moral oder Mitleid offenkundig von der Rasse abhängig sind. (Wie oben erwähnt charakterisieren besonders die “Ausnahmen”, etwa der edle Wilde Freitag, der da als Beispiel für die These, dass auch Eingeborene Menschen seien, angeführt wird, die ethnozentristische Haltung: Nur dadurch, dass man den Wilden die entsprechende Erziehung angedeihen lässt, können sie sich auf das wahre menschliche Niveau – annähernd – emporheben. Annähernd: So lernt etwa auch Freitag die englische Sprache nie wirklich – und die Szenen, in denen sich die “Wilden” dieser Sprache bedienen, erinnern stark an Stammtischinfinitivkonstruktionen, wenn die Sprache von Gastarbeitern nachzuahmen versucht wird.)

Ähnliches vernehmen wir dann auch von der zweiten großen Reise: Chinesen sind armselig, eingebildet und niveaulos, alle ihre Errungenschaften wertlos oder aber zumindest im Vergleich zur westeuropäischen Kultur einer Erwähnung kaum wert. Bei seiner Rückreise über den asiatischen Kontinent kommt es dann zu einem weiteren, für die Grundhaltung des Crusoe beispielhaften Vorfall: Die Priesterschaft eines regionalen Götzenkultes wird gefesselt, der Götze selbst verbrannt – auch auf die Gefahr hin, dass dadurch die Karawane in größte Gefahr gebracht wird.

In all diesen Szenen wird die puritanische Grundhaltung sichtbar: Es gibt eine wahre Religion und es ist Pflicht, diese allüberall durchzusetzen. Von der beginnenden Akzeptanz fremder Kulturen in der Aufklärung ist hier noch nichts zu spüren, der Crusoe ist eine Sittenbild des Kolonialismus, wobei er durchaus auf Rationalität Anspruch erhebt: Diese aber ist genuin christlich und diese Basis wird nirgendwo einer Kritik unterzogen. Von Humes revolutionären Gedanken ist hier noch nichts zu spüren, einem anderen Philosophen (Locke) wird hingegen – unbewusst? – Referenz erwiesen: Der Realismus, die Bedeutung des Individuellen ist ohne dessen strengen Empirismus schwer vorstellbar. Keine paradigmatische Schicksalsdarstellung, keine Aufbereitung historisch-mythologischer Stoffe wie bei Milton oder Shakespeare: Ein puritanischer Kaufmannssohn mit streng ökonomischer Ethik wird zur Hauptperson.

Bleibt die Frage, ob sich eine Lektüre des Romans heute noch lohnt (eine Frage, die sich auch bei Fielding, Richardson oder Sterne stellt): Wohl nur für literar-historisch Interessierte. 700 Seiten Abenteuerroman vermischt mit religiöser Vorsehung stellen die Geduld manchmal auf eine harte Probe; andererseits vermittelt der Roman ein kulturhistorisch prägnantes Bild dieses Zeitalters, zeigt wetterleuchtend den Beginn der Aufklärung und wirkt gerade dort, wo er tolerante Ideen zu vertreten vorgibt, auf beeindruckende Weise entlarvend in seiner Doppelmoral.

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2 Kommentare zu Daniel Defoe: Robinson Crusoe

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