C. M. Wieland: Euthanasia / Das Hexameron von Rosenhain / Menander und Glycerion; Krates und Hipparchia

Dies ist der letzte „reguläre“ Band von C. M. Wielands Sämmtlichen Werken im Nachdruck des Greno-Verlags. Was noch folgt, sind Supplement-Bände, in die Wieland offenbar seiner Meinung nach mindere Werke verbannt hat.

Euthanasia

Gespräche unter Freunden über a) ein eventuelles Leben nach dem Tod und b) die Möglichkeit oder Wahrscheinlichkeit, dass ein Toter bzw. eine Tote uns Lebenden als Geist erscheinen kann. Um Wielands Meinung gleich herauszufiltern: Er glaubt offenbar an eine Weiter-Existenz der Seele nach dem Tode, allerdings in einer Art und Weise, die mit ihrer Existenz im hiesigen Leben wenig zu tun hat. Körperlichkeit spricht er dieser Seele ab – und damit auch die Möglichkeit, hier auf Erden ihren Hinterbliebenen zu erscheinen, da dies immer Körper in irgendeiner Form voraussetzen würde. Auch geht Wieland davon aus, dass – so wenig ein Erwachsener noch Freude an kindischen Puppenspielen hat – die Seele nach dem Tod auch keine Freude an ihrem und wohl auch keine Erinnerungen mehr an ihr irdisches Leben hat. Das klingt relativ trocken und uninteressant, und ist es auch bei Wieland. Wirklich spannend ist hier nur das erste Gespräch, wo die Aufzeichnungen eines anonymen, sich selbst skeptisch und  aufgeklärt nennenden „W…l“ über das Erscheinen seiner Frau nach deren Tod nach allen Regeln der Kunst demontiert werden. Nur anhand von Wortwahl und Satzstellungen weist Wieland (bzw. sein Sprachrohr in diesem Gespräch) nach, dass „W…l“ entgegen seinen Prahlereien sehr wohl an Gespenster glaube und sich die Erscheinung seiner Frau geradezu gewünscht habe. Was an der Geschichte dann Realität sei und nicht blosse Einbildung einer überhitzten Phantasie, sei dann wohl das Resultat eines Streichs, den diesem „W…l“ ein Freund gespielt haben müsse, der dessen Marotte offenbar gut kannte – und die Örtlichkeiten und Gegebenheiten des W…l’schen Hauses.

Das Hexameron von Rosenhain

Ein Novellenzyklus in der Nachfolge aller bekannten Hexa- und Dekamerone der Literatur. Die erzählten Geschichten sind hübsch und niedlich, keine endet tragisch. (Tragik etwas, das Wieland nicht konnte.) Im Gegensatz zu andern Novellenzyklen werden hier sehr viele Zaubermärchen erzählt, die denen ähneln, die wir in längerer und versifizierter Form aus Band VII des Greno-Reprints kennen. Daneben eine als „Novelle“ bezeichnete Erzählung, die sich von den Märchen einfach dadurch unterscheidet, dass nun keine Genien in der Luft herumflitzen und das Setting nicht ein märchenhaftes Persien sondern die deutsche Gegenwart ist. Den Abschluss macht die Erzählung eines Gastes, der gerade frisch zur Gruppe junger Leute gestossen ist, die sich da die Zeit mit Erzählen verkürzt. Da er schlecht sei im Erfinden und auch im Behalten erfundener Erzählungen will er der Gruppe eine wahre Geschichte erzählen. Der gewiefte Autor Wieland serviert zum Schluss ein Extra-Zückerchen, indem der junge Fremde zugibt, dass die Geschichte nicht nur wahr, sondern dass sie seine eigene sei, somit die Fiktion des Wahren (seine Erzählung) in die Wahrheit der Fiktion umwandelnd – die doch nur Fiktion des Wahren bleibt, weil die Wahrheit der Gruppe von Rosenhain eben bloss fiktiv ist. Kein Romantiker hätte die Schlusspointe schöner setzen können.

Menander und Glycerion / Krates und Hipparchia

Zwei kurze Briefromane – zwei Liebesgeschichten. Die erste die Geschichte eines Liebespärchens, das wieder von einander kommt, weil Menander, der bekannte Komödienschreiber, wie Glycerion zu viel Wert auf Selbständigkeit legen. Die Geschichte endet nicht tragisch, weil Wieland ja, wie bekannt, Tragik nicht kann. Interessanter ist die zweite Geschichte. Wieland wählt einmal mehr sein Lieblings-Setting: das antike Griechenland zur Zeit Sokrates‘ und der frühen Sokratiker. Krates (von Theben) ist der Schüler des Diogenes von Sinope, dem Wieland schon eine eigene Erzählung gewidmet hat, wird den Kyniknern zugerechnet, war aber auch der Lehrer des Zenon, dem die Stoa ihre Entstehung verdankt. Die Geschichte der Liebe zwischen Krates und Hipparchia wird hier sehr positiv geschildert. Die Stories, die später über die beiden zirkulieren sollten (wie z.B., dass sie in aller Öffentlichkeit kopuliert hätten), werden ausdrücklich als Verleumdungen eines abgewiesenen Liebhabers der Hipparchia bezeichnet. In Hipparchia hat Wieland wieder ein Muster einer emanzipierten Frau gefunden – einer Frau, die sich nicht davon abhalten lässt, Philosophie zu studieren, obwohl so etwas nur Männern vorbehalten war, einer Frau, die sich auch in ihrer Partnerwahl nicht von der Familie dreinreden lässt. Natürlich ist Wielands Frauenbild romantisch bzw. empfindsam eingefärbt, aber er war wohl der einzige unter den Weimarer Klassikern, der den Frauen so viel Spielraum zur Selbstverwirklichung zugestand, ohne sie deshalb dafür zu bestrafen, so wie z.B. Schiller seine Jeanne d’Arc bestraft, indem er sie in der Schlacht umkommen lässt oder Goethe, der Mariane in Wilhelm Meisters Lehrjahren einfach mal schwanger sitzen lässt.

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