Hommage an Primo Levi (zu „Die Untergegangenen und die Geretteten“)

Primo Levi ist Auschwitzüberlebender. Das wäre für mich eher ein Grund ihn zu meiden: Zu viele Fachbücher, zu viele Erfahrensberichte meine ich schon gelesen zu haben, um mich für derlei noch begeistern zu können. Aber Levi ist – auch – ein Überlebender des NS-Terror, er ist aber noch viel mehr ein wirklich großer Schriftsteller. Das ist es, was seine Bücher weit über die vergleichbare Literatur stellt, hier hat man es mit einem „Glücksfall“ (für den Leser) zu tun: Dass dem außergewöhnlichen Schriftsteller ein außergewöhnliches Schicksal zuteil wurde.

Ich habe fast alles von ihm gelesen: Außer einigen Essays, wenigen Erzählungen. Am berühmtesten sind sicher seine autobiographischen Romane (Ist das ein Mensch?, Die Atempause), und hier wird bereits das psychologische Feingefühl des Erzählers sichtbar: Während man anderswo bloße Beschreibungen des Grauens liest, kann man sie hier miterleben, kann – sofern das überhaupt möglich ist – in die Abgründe der Menschen einen Blick tun: Und zwar in die der Gefangenen als auch in jene der Kapos und SS-Aufseher. Levi versucht zu verstehen, er sitzt nicht bloß zu Gericht (wozu er selbstverständlich das Recht gehabt hätte), sondern gibt eine psychologisch feine, differenzierte Analyse all der seelischen Abgründe – jenseits aller Rachegefühle. Und obgleich er noch in diesem letzten Buch (Die Untergegangenen und die Geretteten) von sich behauptet, dass er „die Deutschen“ nicht wirklich verstehen könne, hat niemand eine bessere Beschreibung der Täter geliefert als er. Dies liegt am Schriftsteller Levi: Der im Schreiben zu objektivieren vermag, der kleinlichen Gefühlen nicht nachgibt sondern tiefer und tiefer gräbt – in die psychische Verfasstheit von Gefangenen und Wächtern eindringt, ein schrecklich-präzises Psychogramm dieser Menschen liefert. Ein solches Schreiben muss ungeheuer schmerzhaft sein, schonungslos – ein Wiedererleben des Grauens, das – vielleicht – therapeutischen Zwecken dienen sollte.

Das aber diesem Zweck nicht genügen konnte. Denn etwa ein halbes Jahr nach Erscheinen dieses letzten Erzählbandes hat auch Levi Selbstmord begangen, gleich wie Jean Amery, dessen Leben und Sterben er in diesem Buch ein ganzes Kapitel gewidmet hat. Er sei – zu Unrecht – von Amery immer als der Verzeihende betrachtet worden (aber er habe nie verziehen, er wolle immer nur verstehen), während Amery selbst als der Wütende, Zornige bezeichnet werden konnte, der diesen Hass schließlich gegen sich selbst richtete. Wie weit war aber auch Levi – angesichts seines Todes – von diesem Hass entfernt bzw.: Wie viel oder wenig war er in der Lage, tatsächlich zu verstehen? Hat das Verstehen oder Nichtverstehen ihn schließlich umgebracht – oder nichts von beidem, wollte er bloß noch vergessen?

Aber eigentlich begehe ich nun denselben Fehler wie viele andere, die über Levi geschrieben haben: Ihn auf seine Erfahrung im Konzentrationslager zu reduzieren. Es gibt aber auch ganz wunderbare Erzählbände von ihm (etwa „Der Ringschlüssel“ oder „Das periodische System“) – und er weist auch in all seinen Betrachtungen über die NS-Zeit weit über diese hinaus. Wie viel genauer als mancher Sprachphilosoph war er die Sprache zu analysieren imstande, wie viel mehr als ein universitär ausgebildeter Psychologe verstand er vom Innenleben der Menschen. Wenn er – wie in diesem Band – etwa die Frage der Schuld und des Vergessens aufwirft, so wird nach wenigen Seiten deutlich, dass es hier nicht um die nationalsozialistische Schuld geht, um das Verdrängen einer schuldig gewordenen Generation, sondern um den Menschen an sich, um seine eigene (kleine oder große) Schuld, um die Frage, inwieweit man seiner Erinnerung trauen darf, in welchem Maß sich der Mensch belügt – vielleicht belügen muss – und wie ungeheuer schwer das Finden oder Umgehen mit Wahrheit ist, die sich häufig als Schimäre erweist, als ein nebelhaftes Ding, das man mit untauglichen Mitteln festzunageln versucht und das sich in diesem Festhaltenwollen bereits ändert, sich einem entzieht.

Ich habe von Levi kein einziges Buch gelesen, das ich nicht in die Kategorie „außergewöhnlich“ eingereihen würde. Wer da meint, dass er über die nationalsozialistische Vergangenheit nicht mehr lesen mag, sollte mit den Erzählungen beginnen – und er wird wahrscheinlich dann zu den anderen Werken greifen: Weil man spürt, was für ein herausragender Schriftsteller hier am Werk war.

Dieser Beitrag wurde unter Essay, Kürzere erzählende Texte, Lebenszeugnisse, Roman abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.