Marçal Aquino: Flieh. Und nimm die Dame mit. [Eu receberia as piores notícias dos seus lindos lábios]

Die beiden Punkte gehören zum deutschen Titel. Der ist wörtlich dem Buch entnommen: Einen Zettel mit dieser Aufschrift findet Cauby, der Protagonist und Ich-Erzähler, nämlich eines Tages bei sich zu Hause auf seinem Tisch – kurz bevor sich die aufgebaute Spannung entlädt.

Die Büchergilde Gutenberg hat dieses Buch verdankenswerter Weise in der Reihe Weltlese, herausgegeben von Ilija Trojanow, zum ersten Mal auf Deutsch veröffentlicht. Und somit verfügen wir nun über ein weiteres Beispiel dafür, dass die brasilianische Literatur des 20. und 21. Jahrhunderts mehr und Besseres hervorbringt, als den verquasten Mystizismus jenes Unsäglichen, der praktisch als einziger Weltruhm geniesst.

Allerdings muss ich der Büchergilde zum Vorwurf machen, dass sie versucht, Aquinos Buch als Kriminalroman zu verkaufen. Das ist es aber nicht. Es ist nicht einmal ein Thriller. Natürlich, das Setting – eine Goldgräberstadt irgendwo im Interior, im brasilianischen Hinterland, in der Huren, Zuhälter und eine völlig korrupte Gewerkschaft das Stadtbild bestimmen – und die Story, in deren Verlauf viele Protagonisten durch gedingte Killer umgebracht, selbst Cauby, der Ich-Erzähler, von der aufgebrachten Bevölkerung gesteinigt wird und sein Haus angezündet – alles dies klingt nach viel “Action” und damit nach Krimi. Selbst der Sprachstil erinnert an die ‘hardboiled novel’ eines Dashiell Hammet oder Raymond Chandler.

Doch der brasilianische Originaltitel, der auf Deutsch in etwa “Ich wäre glücklich, selbst die schlimmsten Neuigkeiten von ihren süssen Lippen entgegen zu nehmen” lautet, reiht das Buch in eine ganz andere Kategorie ein: der eines Liebesromans nämlich. Ich gebe zu, ‘Liebesromane’ haben im deutschen Sprachraum einen ganz schlechten Ruf; sie gelten als seicht und süsslich. Das ist Aquinos Roman mitnichten. Das beweist schon dieser Satz, der auch im Buch vorkommt: Cauby wünscht sich einen Ratgeber für Liebespaare mit diesem Titel, einen Ratgeber

darüber […], wie man auf so eine Nachricht reagieren soll, wenn die Umstände für das Paar ungünstig sind[…].

(Die Nachricht nämlich, die Lavínia gerade Cauby eröffnet hat: dass sie von ihm schwanger sei.) Das bestimmt den ironisch-zynischen Grundton des Buchs, zeigt auch die Hilflosigkeit letzten Endes des Intellektuellen, der ohne Anleitung im Leben verloren ist.

In drei Teilen, in Form eines Triptychons, entwickelt der Autor die Geschichte der Liebe zwischen Cauby und Lavínia. Cauby ist ein Fotograf (und eben Intellektueller), der schon bessere Zeiten gesehen hat. Jetzt lebt er in dieser Goldgräberstadt davon, dass er von den Huren obszöne Bilder macht, die diese dann den Kunden mitgeben für die Zeit, wo sie in den Minen schuften und darauf warten, wieder in die Stadt kommen zu können. Beim Warten auf seine neuesten Bilder trifft Cauby auf Lavínia, Amateur-Fotografin und Frau eines selbsternannten Priesters, der einer Kirche vorsteht, die in US-amerikanischem Stil ein Christentum predigt, in dem der Kapitalist der von Gott zu Recht Bevorzugte ist.

Cauby und Lavínia treffen sich immer häufiger. Bald schon erkennt Cauby, dass in Lavínia zwei Persönlichkeiten stecken: eine laszive, um nicht zu sagen immer-geile Frau, die extrem kurzen Röckchen paradiert – und eine andere, die nicht nur äusserlich lange und hochgeschlossene Kleider trägt, sondern auch innerlich so ist, absolut frigide also. Cauby kann die beiden sogar dem Geruch nach unterscheiden.

Der mittlere Teil des Triptychons unterscheidet sich von den beiden Flügeln dadurch, dass hier nicht Cauby als Ich-Erzähler fungiert. In einer auktorial erzählten Rückblende (dies soll den Gegebenheiten wohl mehr Glaubwürdigkeit verleihen) erfahren wir von Lavínias Kindheit und Jugend. Sie gleicht der Jugend so mancher Brasilianerin aus ärmeren Schichten: Der Vater, der nach der Zeugung verschwindet; die Mutter, Alkoholikerin und nicht im Stande, einer geregelten Arbeit nachzugehen; zwei Brüder, die früh die Familie verlassen, kriminell und dann auch von der Polizei erschossen werden; eine Grossmutter, der einzige Halt der Familie – auch finanziell, durch ihre Rente, die das einzige regelmässige Einkommen bildet – die aber früh in Lavínias Leben stirbt; ein Stiefvater (oder genauer Lebensabschnittspartner der Mutter), der Lavínia sexuell missbraucht; das folgerichtige Abrutschen des Mädchens in die Drogen und ins Milieu – bis Lavínia zufällig den alternden und kürzlich verwitweten Prediger trifft, der sie zumindest vom Milieu fernhalten kann.

Lavínia macht schizophrene Schübe durch, bei denen sie in ein Heim eingeliefert werden muss. Auf diese Weise (das wird er allerdings erst später herausfinden) verschwindet sie – schwanger! –  eines Tages plötzlich aus Caubys Leben. Das ist dann auch der Moment, in dem die gespannte Situation der Goldgräberstadt explodiert. Der Prediger ist einer derer, die dabei umkommen. Cauby überlebt schwer verletzt. Wieder gesund, gelingt es ihm, Lavínia in ihrem Heim zu finden. Das Kind hat sie verloren, im übrigen aber scheint sie gesund und sogar ‘normal’ geworden zu sein – zum Preis einer praktisch vollständigen Amnesie. Und zum Preis dessen, dass nun eine dritte Persönlichkeit zum Vorschein kommt, eine, die dem Mädchen sehr ähnelt, dass Lavínia hätte sein können, wäre sie unter besseren Bedingungen aufgewachsen.

Verhaltener Optimismus also am Ende einer von Schopenhauer’schem Pessimismus gefärbten Geschichte. (Schopenhauer ist in diesem Roman omnipräsent dadurch, dass Cauby immer wieder aus einem fiktiven Werk – Was wir in der Welt sehen – eines fiktiven Professors – Schianberg – zitiert, das angeblich eine Untersuchung der Art und Weise darstellt, wie die Menschen sich ineinander verlieben und wie sie diese Liebe ausleben wollen. Der pseudo-wissenschaftliche Unsinn erinnert – gerade weil Schopenhauer so ein Thema nie berührt hätte – in vielem an den deutschen Pessimisten.)

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