Alfred Jules Ayer: Sprache, Wahrheit und Logik

Schon kurz nach seinem Erscheinen (1936) wurde dieses Buch zum „Katechismus der logischen Analytiker“, obwohl sein Autor erst 25 Jahre zählte (mittlerweile werden nicht nur die Schriftsteller, auch die Philosophen älter, bevor sie sich an die Öffentlichkeit wagen. Das kann ein Vorteil sein, muss es aber nicht …). Ayer steht noch ganz im Banne des logischen Empirismus, wie er vom Wiener Kreis um Schlick und Carnap entwickelt worden war. Aber er vermeidet einen Fehler, der in endlosem Suchen nach Basissätzen, Konstatierungen – nach irgendeiner Form der Letztbegründung für unser Wissen – bestand.

In einer anderen Hinsicht hingegen bleibt er dem Programm der Wiener – und insbesondere dem Wittgensteins in seinem Tractatus – treu: Er möchte feststellen, worüber sich zu sprechen lohnt, welchen Aussagen überhaupt ein „wahr“ oder „falsch“ zugeordnet werden kann bzw. was von den Aussagen als „metaphysisch“, damit sinnlos, ausgeschieden werden muss. Wittgenstein meinte (ohne sich schließlich daran zu halten), dass angesichts metaphysischer Sätze das Schweigen angebracht wäre, Ayer grenzt diesen Bereich im Sinne Wittgensteins ab und wird auch in Zukunft sich auf die Analyse sprachlicher – und dadurch oft philosophischer – Irrtümer beschränken.

Sätze sind sinnvoll dann, wenn sie sich entweder empirisch überprüfen lassen (im Sprachgebrauch Ayer verifizieren, wobei ihm bezüglich dieser Sätze klar ist, dass eine endgültige Verifikation induktiver Aussagen niemals möglich ist), oder aber wenn sie analytisch – und a priori – sind. In diesem Fall sagen diese Sätze aber nichts über die Welt aus, synthetische Aussagen a priori sind ein Unding. Alle analytischen Sätze sind – in Gegensatz zu den empirischen – reine Tautologien und damit auch verifizierbar: Dazu zählt Ayer vor allem die mathematischen Ausdrücke bzw. all jene, bei denen im Sinne Kants, alle Prädikate bereits im Subjekt enthalten sind.

Viele metaphysische Sätze werden durch ihre irreführende Sprachform für Tatsachenaussagen gehalten: So entstehen etwa durch die unterschiedliche Bedeutung von „ist“ mannigfache Irrtümer – es wird etwa zwischen Sätzen wie „der Löwe schreit“ und „der Tiger existiert“ nicht unterschieden und dadurch nicht bemerkt, dass Existenz kein Prädikat im herkömmlichen Sinne sein kann (worauf schon Kant hingewiesen hatte, wie auch aus dem Vergleich folgender Sätze hervorgeht: 1. „Manche zahmen Tiger knurren“ 2. „Manche zahmen Tiger existieren“, wobei der zweite Satz offenkundiger Unsinn ist). Oder aber es werden theoretische Begriffe mit einem Verb verbunden, was ihnen den Anschein einer materiellen (platonischen) Existenz verleiht.

Diese „Sinnlosigkeit“ trifft selbstredend auch auf ethische Aussagen zu. Ayer meint allerdings, dass man unter bestimmten Voraussetzungen durchaus ethische Diskussionen (sinnvoll) führen kann: Die Voraussetzungen selbst sind einer Diskussion jedoch nicht zugängig. So kann man sich über Sinn und Unsinn der Todesstrafe auseinandersetzen und versuchen, Argumente zu finden, die den angenommenen Voraussetzungen des anderen widersprechen. (Ein Vorgang, der mittlerweile aufgrund von fast allgemein anerkannten „Menschenrechten“ durchaus üblich ist und sogar von Diktatoren zumeist mitvollzogen wird: Es werden für politische Morde andere, etwa das Wohl der Mehrheit fördernde Gründe angegeben; kaum aber einer stellt fest, dass er seinen Widersacher umbringen ließ, weil er schlicht die Macht dazu besaß (auch wenn das der Wahrheit bzw. der Realität sehr viel näher kommen würde)). Wieder aber können diese Menschenrechte selbst nicht diskutiert werden: Es gibt für jemanden, der bestimmte Prinzipien nicht anerkennt, keinen „logischen“ Grund, sie doch anzuerkennen, ein voraussetzungsloses „wahr“ oder „falsch“ ist in der Ethik ein Ding der Unmöglichkeit.

Gleich verhält es sich auch im ästhetischen Bereich: Bestimmte Schönheitsbegriffe vorausgesetzt lassen sich die einzelnen Kunstwerke durchaus treffend analysieren, die Begriffe selbst aber sind einer solchen Reflexion (im Sinne einer Wahr-Falsch-Dichotomie) nicht zugängig. Damit bleibt natürlich ein ganz entscheidender Bereich außen vor: Steht es so doch jedem frei, die Grundsätze des anderen für nicht zutreffend zu erklären. Deshalb ist auch das Bemühen internationaler Organisationen gerechtfertigt, bestimmte Recht und Pflichten verbindlich zu machen: Erst auf dieser Grundlage kann man argumentieren, vielleicht intervenieren. (Obschon in realiter natürlich die tatsächlichen Machtverhältnisse allen Argumenten oft Hohn sprechen.)

Die Frage nach theologischen Problemen, nach Gott, stellt sich für Ayer nicht: Weder kann der Begriff „Gott“ für sich eine analytische (tautologische) Wahrheit beanspruchen, noch kann Gott aus empirischen Befunden hergeleitet werden. (Ayer definiert die Tatsachenaussagen, die auf die Sinnhaftigkeit von Aussagen verweisen, als eine entweder selbst empirisch zu beobachtende Aussage oder als eine solche, die für eine abzuleitende, empirische Aussage konstituierend ist. Eine Aussage A muss also entweder selbst eine Tatsachenaussage sein oder eine Aussage B (die wiederum eine Tatsachenaussage sein muss) zur Folge haben, die aus den anderen, übrigen Bedingungen allein nicht herleitbar wäre.)

Daraus ergibt sich auch, dass Wissenschaft und Philosophie einander nicht in die Quere kommen können: Die Philosophie macht keinerlei Aussagen über die empirische Welt, sondern untersucht (analysiert) die Sätze der Wissenschaft, klärt diese (Wittgenstein) bzw. versucht, auf rein sprachliche Probleme hinzweisen. Handelt es sich um Scheinprobleme, so können diese durch die entsprechende Analyse aufgezeigt werden, die Lösung aller anderen Probleme werden der Wissenschaft überlassen.

Allerdings negiert dieser Ansatz die grundsätzlich metaphysische Realität. Wir besitzen zwar viele und vernünftige Gründe, eine solche Realität anzunehmen, wir können sie aber nicht beweisen. Insofern bleibt sowohl der Wissenschaftler als auch der Philosoph immer ein Metaphysiker; wer alle metaphysischen Sätze zu eliminieren versucht, eliminiert schließlich auch die Wissenschaft selbst. Und dass im ethischen Bereich Grundsatzfragen ausgespart bleiben, ist ebenso wenig zufriedenstellend. Aber wir sollten uns zumindest an die Tatsache erinnern, dass wir selbst für die einleuchtendsten moralischen Urteile keine auch nur annähernde Gewissheit besitzen, sondern als Lebewesen mit einer bestimmten biologischen Ausstattung zu einem beliebigen historischen Zeitpunkt agieren. Möglicherweise ergibt sich aus dieser kontingenten Situation eine Form der Bescheidenheit, die hilfreich ist für das, was wir üblicherweise Ethik nennen.

Ayers Sprache zeichnet sich durch das Bemühen um Präzision und Klarheit aus – und weitgehend (abzüglich eines Teiles des Vorwortes bzw. der Einführung) ist diesem Bemühen auch Erfolg beschieden gewesen (wenn man etwa dieses Buch mit jenem von M. Dummett (Ursprünge der analyt. Philosophie) vergleicht, der einem das Verständnis offenbar schwer zu machen versucht). Dennoch bin ich aufgrund zurückliegender Erfahrungen etwas skeptisch: Denn man muss beim Lesen einiges an Bereitschaft mitbringen, den Gedanken des Autors folgen zu wollen, auf streng logische Zusammenhänge achten und die der Logik verpflichtete Terminlogie bzw. den Werkaufbau berücksichtigen. Dies vorausgesetzt kann man diesen Klassiker der analytischen Philosophie nur empfehlen.

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