12’500 Seiten Wieland

Hiermit erkläre ich ein weiteres Gross-Projekt für beendet. Im Laufe des Jahres 2013 habe ich C. M. Wielands sämmtliche Werke gelesen, so, wie sie von Wieland höchstpersönlich ab 1797 bei Göschen herausgegeben und 1984 von der Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur bei Greno in einem Reprint wieder zugänglich gemacht wurden. Nach meiner Überschlagsrechnung rund 12’500 Seiten.

Sicher, manches habe ich nur flüchtig gelesen, aber ich war einigermassen überrascht davon, wie vieles von Wieland im Grunde genommen bis heute lesbar, ja empfehlenswert geblieben ist. Wenn Arno Schmidt davon spricht, dass er bei einem Autor jederzeit 90-95% der Produktion abstreichen würde und ihn trotzdem noch für erstklassig halte, habe ich den Eindruck, dass es bei Wieland höchstens 50% sein müssten. Vor allem Wielands Prosa ist – unabhängig vom Inhalt – in ihrer Musikalität und vermeintlichen Simplizität ganz einfach umwerfend. Das liest sich fast von allein; so, wie sich Mozarts Musik fast von allein hört.

Der abschliessende Band XIV nach Greno-Zählung (enthält die Supplement-Bände N° 4 bis 6) bleibt zwar eher unter den 50%.

Das liegt daran, dass N° 4 noch einmal Juvenilia enthält. Zwar hat sich Wieland in den hier versammelten Texten aus Bodmers Umklammerung einigermassen gelöst, aber es handelt sich doch um recht naseweise Produkte des jungen Wieland. Wenn er Platonische Betrachtungen über den Menschen anstellt, so hat das mit Platon oder dem Menschen recht wenig zu tun – Wieland klassifiziert munter drauf los, ohne sich um so etwas wie Verifizierung anhand von Tatsachen zu kümmern. Damit steht er zwar in der damaligen Philosophie nicht allein, aber das macht den Text nicht interessanter.

Das liegt daran, dass N° 5 mit Wielands dramatischer Produktion anhebt. Nun war er – Shakespeare-Übersetzer hin oder her – kein Tragiker, diesen Teil seiner Werke können wir getrost vergessen. Und wenn er von Pandora, einem Lustspiel nach le Sage, meint:

Von einem geschickten Tonkünstler bearbeitet und von einer guten komischen Truppe gespielt, würde es wahrscheinlich auf dem Schauplatz keine schlimme Wirkung thun.

so übersieht er, was mittlerweile Goethe und vor allem Schiller, aber auch der zu Lebzeiten unterschätzte Kleist, im Dramatischen geleistet haben, die, wenn sie auch – mit Ausnahme Kleists – kein Verständnis fürs Komische hatten, doch die Dramatik und Rhethorik auf ganz anderes Niveau gehoben hatten, als dies der – in diesem Zusammenhang muss man sagen: leider – prosaische Wieland es je konnte.

Erst im zweiten Teil von N° 5 und dann in N° 6 bessert die Lage. Einigermassen lesbar sind die Bunkliade, ein grausam schöner Verriss eines offenbar ziemlich platten Romans. Den Sprachhistoriker wird auch sein Aufsatz Über die Frage Was ist Hochdeutsch? Und einige damit verwandte Gegenstände interessieren, blickt er doch hier ein bisschen hinter die Kulissen des damaligen Streits zwischen Gottsched und den Schweizern Bodmer und Breitinger. Dieser Streit drehte sich ja nicht nur um Fragen der Dramentheorie, sondern ganz konkret darum, welche Sprachform die Sprachnorm in Deutschland werden sollte: das aus der Mitte Deutschlands stammende Sächsisch oder die südliche, alemannisch geprägte Variante. Wieland, der Schwabe, das ist klar, votiert fürs Zweite. Er sollte hier auf der Verliererseite stehen.

Somit doch ein interessanter Abschluss der Werke, auch wenn ich natürlich Wielands Übersetzungen vermisse, die er mit keinem Wort erwähnt, und Wieland, der Herausgeber, auch Wieland, den politischen Journalisten, praktisch völlig bei Seite lässt.

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