Karl Mays Friedenswege: Zwischen Völkerstereotyp und Pazifismus

Unter diesem Titel wurde kürzlich ein Sonderband in der grün-goldenen Reihe des Karl-May-Verlags veröffentlicht. Herausgegeben von Holger Kuße enthält er Beiträge von verschiedenen Autoren, die sich mal mehr, mal weniger wissenschaftlich mit Karl Mays Pazifismus beschäftigen.

Karl May ein Pazifist? Ja, sicher. Allerdings …

Um zu erklären, was ich meine, muss ich kurz ausholen. Karl May war tatsächlich der Autor, der mich – wie man so schön sagt – zum Lesen gebracht hat. Ich war neun, als ich (ich weiss nicht mehr, ob mit Blattern oder Masern) krank im Bett lag. Jedenfalls war mein Körper mit jeder Menge Pusteln übersät, die ich um Himmels Willen nicht aufkratzen sollte. Um den Jungen still zu legen, kam mein Vater auf die gloriose Idee, in der Buchhandlung, die gleich neben seinem Büro stand, ein Buch für mich zu kaufen. Ich weiss nicht, ob er beraten wurde oder nicht, jedenfalls schleppte er eines Abends einen Band aus der Jubiliäumsausgabe des Karl-May-Verlags an: Der Schut. (Damit verrate ich dem geneigten Leser nicht nur mein ungefähres Alter [„Wenn er neun war, als die Jubiläums-Ausgabe noch im Buchhandel …“], sondern auch den Grund, warum ich bis heute Mays Orient-Geschichten seinen Wild-West-Stories vorziehe.) Dem Schut folgten dann viele weitere May-Bücher, in verschiedensten Ausgaben – von Ueberreuter über Bertelsmann und NSB (die damals noch konkurrenzierende Buchklubs darstellten) und natürlich weitere aus dem Karl-May-Verlag. Warum auch immer, kaprizierten mein Vater und ich uns dabei immer auf die Jubiläums-Ausgabe; ich habe erst als Erwachsener, weit jenseits der 30, die grün-goldenen Bände kennen gelernt, die bei meinen Altersgenossen feuchte Augen der Nostalgie hervorzurufen pflegen. (Weshalb ich denn, wenn nun der Karl-May-Verlag auch Sekundärliteratur in diesem Gewand herausbringt, keinerlei positive Voreingenommenheit nur schon auf Grund des Äusseren verspüren kann. Im Gegenteil: Ich fand und finde noch immer die Gestaltung dieser Reihe äusserst hässlich.) Doch ich schweife innerhalb meiner Abschweifung ab. Tatsache ist, dass meine Mutter, von meinem nun entfachten May-Enthusiasmus irritiert (und wohl wissend, dass mein Vater mir auch das Rauchen oder Trinken erlaubt hätte, wäre er sicher gewesen, dass dies mich daran gehindert hätte, meine Pusteln aufzukratzen), sich bei meinem Lehrer erkundigte, ob die Bücher dieses Rowdy über andere Rowdies mir nicht zu verbieten seien. (Mays Karriere als Verbrecher wurde zu jener Zeit auch gerade bekannt.) Mein Lehrer war Mitglied einer Sekte (ich habe vergessen, welcher) und versuchte durchaus aktiv, seine Neun- und Zehnjährigen zu dieser Sekte zu bekehren. Um so erstaunter war wohl auch meine Mutter, als er sie dahingehend beruhigte, dass May immer als bekennender Christ geschrieben habe und deshalb unbedenklich sei.

So etwas kriegt man als Kind natürlich nicht im Detail mit; aber wenn ich heute darüber nachdenke, finde ich vieles wieder, das May gut charakterisiert. Er war Pazifist, ja. Aber sein Pazifismus war praktisch sein ganzes Werk ein betont christlicher. Den Frieden – und zwar nicht nur den geistigen (den sowieso) – erreichte man letztlich nur als Christ. Bösewichte werden schon im hiesigen Leben gnadenlos bestraft. Natürlich nicht durch Kara Ben Nemsi oder Old Shatterhand. Es sind seine Freunde und Begleiter, die z.B. einem Bösewicht die Augen ausdrücken – eine Tat, die Shakespeare in King Lear verwendet, um die Verworfenheit von Lears Antagonisten zu zeigen, die May aber als Gutmenschentum ausgelegt wird. Ja, May ist sich nicht zu blöde, auch mal den lieben Gott eingreifen und Old Cursing Dry genau den Tod sterben zu lassen, den dieser fluchend auf sich gezogen hat. Nicht wirklich pazifistisch, wie ich finde.

Erst im sog. ‚Spätwerk‘ tritt das Christentum in den Hinter- und der Pazifismus in den Vordergrund. Waren vorher (vor allem im Orient – Old Shatterhand war im Wilden Westen interessanterweise nie mit wirklich raffiniert organisierten Bösewichtern konfrontiert, er fand dort nur Haufen von Landstreichern und Taten Einzelner, die fast immer die Form von Familienfehden trugen) – waren in den Reiseerzählungen also die Bösewichte in quasi-freimaurerisch organisierten Geheimgesellschaften organisiert, mit genau definierten Hierarchien und geheimen Erkennungszeichen (die Kara Ben Nemsi natürlich herauszufinden wusste), so finden wir im Spätwerk den Clan Winnetou oder die Shen, eine in China und vorwiegend von Chinesen gegründete Gesellschaft. Das Maurertum ändert also sozusagen seinen Aspekt – weltliche, Religionen übergreifende und positiv besetzte Gesellschaften treten an die Stelle der Organisation von Verbrechern, während diese wiederum zu auch innerlich zersplitterten Einzelwesen mutieren.

Doch bis dahin sollte es auch für May ein weiter Weg sein – und hier setzt meine hauptsächliche Kritik am vorliegenden Sonderband über Mays Pazifismus ein: Mays eigener Weg zum Frieden wird zwar in Titel und Untertitel angetönt, tatsächlich aber vermischen die Autoren gern die verschiedenen ‚Epochen‘ in Mays Schreiben. May schrieb für seine Kolportage-Romane anders als für seine Reiseerzählungen, innerhalb der Reiseerzählungen christianisierte er mal mehr, mal weniger – ja er hatte Phasen, wo er so stark nicht nur christianisierte, sondern – Protestant, der er eigentlich war! – katholisierte, dass ihn alle Welt (sein katholischer Verleger inklusive) für einen Katholiken hielt. Auch in Bezug auf die Völkerstereotype wird vieles, für ein hübsches May-Bild allzu Störendes, weggelassen: Der Armenier ist immer ein übler Kerl, der Jude wo nicht übel, so schwach, der Perser reich und mehr oder weniger hinterlistig etc. etc. All dies wird bestenfalls gestreift, im übrigen aber Karl May in den Himmel der pazifistischen Vollkommenheit gehoben. Als Kronzeugin dient dabei Bertha von Suttner, deren Menschenbild, das eine Evolution vom kriegerischen Menschen hin zum pazifistischen Edelmenschen beinhaltete, tatsächlich in einigem vom alten May übernommen worden zu sein scheint. (Die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zu Nietzsches Übermenschen, der ungefähr gleichzeitig die Bühne der Literatur betrat, sind gewiss schon untersucht worden, hier aber nicht das Thema.)

All dies wird hier also nicht oder nur sanft versteckt behandelt – so gut versteckt, dass ich bei meiner Lektüre kaum Spuren davon gefunden habe.

Im einzelnen beinhaltet das Buch dann folgende Beiträge (ich nenne nicht überall die ganzen Titel, sie sind mir zu lang):

Holger Kuße: „Es sei Friede!“

Eine zwar belesene Zusammenstellung, die aber mit Rückgriffen auf Kant oder Tolstoi das genuin May’sche Universum verlässt, ohne dass für Mays Werk ein Erkenntnisgewinn zu verzeichnen ist. Auch wird Mays Werk durchs Band so behandelt, als ob es aus einem Guss wäre – Schriften für die Jugend, Kolportageromane, Reiseerzählungen, Alterswerk: alles kunterbunt und wo’s gerade passt, als Beleg für die jeweilige These herangezogen.

Thomas Kramer: Apachen, Gothen, Ordensritter

Ein Versuch, Karl Mays Werke in den Kontext des zeitgenössischen Historischen Romans zu stellen. Wenig überzeugend, weil die tatsächlichen Wurzeln Mays im spät- und plattaufklärerischen Journalismus übersehend.

Ludger Udolph: Juden und Judentum bei Karl May

Wiederum eine belesene Zusammenstellung. Hier wird sogar ansatzweise berücksichtigt, dass May für die Kolportage anders schrieb als für seine Reiseerzählungen, da das Bild des Juden tatsächlich v.a. in der Kolportage äusserst negativ ausfällt. Weshalb die faszinierend-gefährlich-schönen Frauen bei May aber oft und gern Jüdinnen sind, kann Udolph leider auch nicht erklären.

Johannes Zeilinger: Im Lande des Mahdi – Karl May begegnet dem islamischen Fundamentalismus

Hier musste ich den ganzen Titel des Aufsatzes zitieren. Denn May begegnet keinem Fundamentalismus. Der Aufstand des Mahdi, der tatsächlich stattgefunden und tatsächlich islamisch-fundamentalistische Wurzeln aufgewiesen hatte, wird erst nach den hier geschilderten Ereignissen stattfinden; der Mahdi ist bei May eine Nebenfigur, gerade erst seine Bestimmung und seine Anhänger findend, sie aus den Mitgliedern einer dieser freimaurerisch organisierten Verbrecherbanden rekrutierend, wie sie Mays Orient so gern bevölkerten. Keine theologische oder auch politische Auseinandersetzung mit fundamentalistischem Gedankengut, wie der Titel des Aufsatzes suggeriert, sondern der May-typische Kampf gegen Verbrecher – im vorliegenden Fall: Sklavenhändler. (In sich ja positiv genug – die Einsicht, dass jeder Mensch das Recht auf Freiheit hat.)

Svenja Bach: Im Dialog mit dem Orient

Gefällt mir natürlich nur schon deswegen, weil der Orient-Zyklus, auf den sich Bach konzentriert, meine erste grosse May-Liebe war. Bach zeigt dann anhand ausgewählter Beispiele die Strukturen auf, die Kara Ben Nemsis Dialoge mit Nicht-Christen, mit Muslimen, auszeichnen: Ein (m.M.n. seinerseits bösartiges – Bach vermeidet es, May allzu schlecht darzustellen) Zurückblaffen, wenn ein Bösewicht ihm ans Bein pinkelt und ihn „Giaur“ nennt, vornehme Zurückhaltung und der Versuch, mehr durch Taten als durch Worte auf den Andersgläubigen einzuwirken, wenn es sich um einen Freund wie Hadschi Halef Omar handelt. Bach konzentriert sich auf den Orient-Zyklus, aber im Wilden Westen könnten wir dasselbe beobachten. Was allerdings die erste Hälfte des Aufsatzes, wo Mays Quellen geschildert werden, mit der zweiten und dem Titel zu tun hat, entzieht sich mir.

Im übrigen ist Svenja Bach offenbar die einzige Frau, die über Karl May schreibt …

Wilhelm Brauneder: Karl Mays Nordamerika-Auswanderung […]

Auswanderungs-Motiv: Suche des inneren Friedens. Tatsächlich finden wir bei May viele solche Auswanderer.

Holger Kuße: „Ein guter Geist spricht alle Sprachen“

Sehr gelehrt, sehr belesen. Bringt aber für mich – gerade wegen der Fülle oft disparater Information – den „Fall May“ nicht wirklich voran.

Eckehard Koch: „Hat der Krieg eine eiserne Hand, so habe der Frieden eine stählerne Faust!“

Eine Schilderung von Mays Utopie(n) im Alterswerk – von den verschiedenen, nun positiv besetzten Geheimgesellschaften (Shen, Clan Winnetou) über das Hohe Haus des Ustad bis hin zur eigentlichen Utopie Dschinnistan. Der Versuch einer Verankerung im zeitgenössischen Denken scheint mir ausbaubar. Ansonsten einer der interessanteren Aufsätze in diesem Band.

Hagen Schäfer: „Nicht das Christentum des Wortes, sondern das Christentum der Tat“

Baut Bachs Ansatz (s.o.) weiter aus.

Christoph F. Lorenz: Sieben Engel für den Frieden

Ein kurzer Abriss des Engel-Wesens in Mays Spätwerk. Diese Gestalten tauchen dort tatsächlich recht unvermittelt und recht prominent auf – wenn auch meistens in übertragener Form, nicht als direkte Sendboten des Himmels.

Holger Kuße / Ekkehardt Bartsch: „Edelmensch, wo bist du?“

Mit diesem Aufsatz eröffnet der Herausgeber den Abschnitt Wirkungen des Buchs. Karl Mays letzter öffentlicher Auftritt in Wien.

Odette Bereska: Die wahren Kenner unter sich. Eine fiktive Kritikerrunde nach Karl Mays Friedensrede in Wien, März 1912 (Eine Szene)

Passons. Wenn man so etwas im Karl-May-Umfeld verfasst, sollte man sich dessen bewusst sein, dass man in direkte Konkurrenz zu Arno Schmidt tritt.

André Köhler: Vermarktung als Friedensmanagent

William F. Cody (Buffalo Bill) vs. Karl May (Old Shatterhand) vs. Festspielkultur. Leider werden dem Leser nur Sachinformationen vermittelt, kein Versuch, Zusammenhänge darzustellen.

André Neubert: Das Karl-May-Haus […]

Werbung … An sich legitim in diesem Rahmen, aber für mich uninteressant.

Interview mit René Wagner

Wie oben. Pikant, dass Wagner vor ein paar Tagen unvermittelt als Leiter des Karl-May-Museums in Radebeul freigestellt wurde. Im Interview finden sich keine Spuren davon.

Peter Waynad: „Wasch dir den Mund mit Seife von Ischnân!“

Anekdoten aus dem Leben eines Lehrers, die beweisen sollen, dass May auch heute noch von den Jungen gelesen wird. Ja – wenn es der Lehrer so befiehlt …

Das war’s dann.

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