Nathanael West: Eine glatte Million [A Cool Million]

Wir erachten es als eine selbstverständliche Wahrheit, dass alle Menschen gleich geschaffen sind, dass sie von ihrem Schöpfer mit bestimmten unveräußerlichen Rechten ausgestattet wurden, dass zu diesen das Leben, die Freiheit und das Streben nach Glück gehören.

Thomas Jefferson würde sich im Grab drehen, wüsste er, was aus diesem Satz der von ihm formulierten Unabhängigkeitserklärung der USA gemacht werden sollte. Nicht nur in der Realität – da hat Jefferson selber ja noch so einiges erlebt – sondern auch und gerade in der Fiktion. Da gab es zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den USA einen gewissen Horatio Alger. Der schrieb Romane für pubertierende Jungs und war zu seiner Zeit in den USA so berühmt wie Karl May in Deutschland. Seine Romane zeichnen sich dadurch aus, dass darin regelmässig die typischen Job-Karrieren ‚vom Tellerwäscher zum Millionär‘ geschildert werden. Regelmässig steht hinter diesem Millionär-in-Windeln ein Mentor, der dieselbe Karriere schon geschafft hat. Der wichtigste Rat dieses Mentors ist es, dass der Junge immer aufrecht und ehrlich bleiben soll. Das liest sich wie Ironie, war aber von Alger ernst gemeint. Nathanael West sollte die Ironie und den Witz in Algers Romanen erkennen. Es genügte ja, sich am jeweiligen Höhepunkt der Ereignisse zu fragen: „Und was wäre wohl der wahrscheinlichere Ausgang gewesen?“, um zu einer Art umgekehrtem Schelmenroman zu gelangen – einem Roman, in dem der Schelm sich nicht immer wieder retten kann, sonder immer weiter in die Tunke gerät. Genau so eine Figur ist Wests Lemuel Piktin. (Diese Informationen verdanke ich dem ausführlichen und ausgezeichneten Nachwort des Herausgebers und Übersetzers Dieter E. Zimmer, in der Ausgabe des Manesse-Verlags von 2011.)

Ein zweiter Candide zieht also Lemuel in die Welt, um sein Glück zu machen. Ähnlich wie Voltaires Figur fällt er aber bloss immer wieder auf die Schnauze. Er verliert Gliedmasse um Gliedmasse (hierin der Hauptfigur in Edgar Allan Poes The Man That Was Used Up gleichend – einer kurzen Geschichte, die West übrigens kannte). Sein Mentor ist Mister Whipple, ehemaliger US-Präsident, der in die heimatliche Kleinstadt zurückgekehrt ist und sich dort mehr schlecht als recht als Anwalt durchschlägt. Wests Vorbild ist der US-amerikanische Präsident Calvin Coolidge (1923-1929; der Roman erschien 1934), der in ähnlicher Weise sich durch bescheidenen Rückzug auszeichnete. (Allerdings, wenn man Zimmer und andern Quellen glauben will, wohl besser für die USA daran getan hätte, gar nicht erst aufzuscheinen, da seine Präsidentschaft sich vor allem durch ein allgemeines Laisser-faire auszeichnete und die USA beinahe zu einer Gangster-Republik verkommen liess.)

Somit verfolgen wir über rund 150 Seiten den allmählichen Niedergang des Lemuel Pitkin. Da West, im Gegensatz zu Voltaire, keiner besten aller möglichen Welten Leibniz‘ zu entgegnen hat, wird die Geschichte dann allerdings zusehends repetitiv und langweilig. West muss das selber eingesehen haben, denn ungefähr in der Mitte (Wests Roman ist mit wenig über 300 Seiten sehr kurz) schlägt die Geschichte um. Whipple, bis anhin der auch nur ein bisschen schlauere Mentor Pitikins, wird zum Führer einer faschistischen Untergrund-Bewegung, die wie alle solche Bewegungen jener Zeit nicht nur mit andern Faschisten sich bekriegte sondern auch mit den parallel entstandenen Bewegungen der Kommunisten. Zum Schluss wird Whipple Diktator. West, selber Jude, hält den US-Amerikanern einen Spiegel vor, und zeigt ihnen auf, dass auch sie problemlos ins selbe Muster verfallen könnten, wie schon die Italiener, die Spanier, die Deutschen. (Der US-amerikanische Traum vom Glück konnte tatsächlich sehr leicht von totalitären Splittergruppen aufgenommen und missbraucht werden, und die frustrierten Amerikaner der Depression waren tatsächlich auf gutem Wege, dem Schicksal der europäischen Staaten zu folgen.) Dass der Roman über die Zeitbezüge hinaus lesbar ist, verdankt er wohl dem Umstand, dass das Schicksal eines Lemuel Pitkin, der vom Opfer zum Mitläufer wird, vom Mitläufer wieder zum Opfer, dass dieses Schicksal zeitlos ist. Nicht nur die USA lavieren heute schon wieder oder noch immer an jenem Abgrund, in den sie der fiktive Whipple bereits 1934 gestürzt hat.

Es ist keiner der ganz grossen Romane der Weltliteratur. Es ist aber auch mehr als blosser Zeitzeuge, der nur dem Historiker und Amerikanisten interessant wäre. Der Bruch, den der Roman in der Mitte aufweist, macht ihn zugleich besser (die Candide’sche Repetition immer ähnlicher Reinfälle beginnt zu langweilen) und schlechter (der Roman verändert sich im Ton derart, dass man beinahe von zwei Romanen sprechen könnte, und man den Eindruck hat, es handle sich um eine Fortsetzung, die Jahre später geschrieben wurde – während West Eine glatte Million in Tat und Wahrheit praktisch in einem Zug herunter geschrieben hat).

Ach ja, und wo steckt Pitkin zum Schluss? – Er ist tot, hat dummerweise einen Hieb zu viel auf den Kopf bekommen, und sein Name wird nun von Mr. Whipple instrumentalisiert, Lemuel Pitkin zum Helden seiner faschistischen Bewegung gemacht – ein zweiter Horst Wessel. Dabei war Pitkin doch im Grunde genommen nur der ehrliche Junge aus der Kleinstadt, der ein bisschen zu viel Horatio Alger gelesen hat…

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3 Kommentare zu Nathanael West: Eine glatte Million [A Cool Million]

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