Alice Munro: Tanz der seligen Geister [Dance of the Happy Shades]

Klappentext, der erste:

Jonathan Franzen zählt Alice Munro zu den größten Erzählern der Welt und stellt sie über Tschechow, und Doris Dörrie »schärft sie die Sinne«.

Klappentext, der zweite:

[…] das Debüt der großen Meisterin, 15 Erzählungen davon, erwachsen zu werden und die eigene Stimme zu finden.

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Es ist relativ selten, dass sich ein Autor praktisch nur dem Schreiben von Kurzprosa widmet; so ein Autor ist wohl noch seltener als der reine Lyriker. Ganz selten ist es, dass dieser Autor dann noch den Nobelpreis für Literatur erhält. Vielleicht war Alice Munro letztes Jahr überhaupt die erste. (García Márquez erhielt ihn zwar für seine Romane und Erzählungen, ist aber doch vorwiegend als Romancier bekannt; Paul Heyse erhielt ihn für sein Gesamtwerk, das weitaus mehr Literaturgattungen abdeckt, als die Novelle, für die man ihn heute ausschliesslich kennt.)

Im übrigen sollte man Erbarmen haben mit Klappentextern. Sie haben wenig Platz zur Verfügung und sollten auf diesem wenigen Platz zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: einerseits eine oder mehrere möglichst prominente und möglichst positive Stimme(n) zum Buch aufführen, und andererseits einen möglichst treffenden Hinweis auf den Inhalt geben. Meist fehlt die Zeit, das Buch selber zu lesen. Ich hoffe doch für Franzen und Dörrie, dass man ihre Aussagen aus dem Kontext gerissen bzw. falsch zusammengefasst hat. So sind die vier Wörter von Dörrie einfach sinnloser Quark; und Franzen erweckt den Eindruck, sehr wenig (oder gar nichts) von Tschechow gelesen zu haben und auch sonst die Weltliteratur kaum zu kennen. (Was allerdings bei einem US-Amerikaner nicht unmöglich wäre…)

Mit Tschechow teilt Munro allenfalls die Unaufgeregtheit ihrer Stories – ansonsten reicht sie (zumindest in Tanz der seligen Geister) dann doch nicht an ihn heran. Und was Dörrie meint, ist wohl die Präzision von Munros Beobachtungen und Beschreibungen. Dies aber teilt sie vor allem und auch mit jenen irischen Autoren von Kurzgeschichten, die zur Zeit, als Munro zu schreiben begann, jedenfalls hierzulande und bei meiner Person sehr im Schwange waren (und die Wikipedia im Artikel über Irische Literatur samt und sonders totschweigt).

Dennoch ist Munro eine grossartige Schriftstellerin und ihre Begabung zeigt sich schon in diesem, ihrem ersten Buch, das sie 1968 veröffentlicht hat. (Und das erst 2010 ins Deutsche übersetzt wurde!) Sie erlangte damals damit sofort landesweite Aufmerksamkeit.

Folgende 15 Erzählungen sind darin versammelt:

  • Der Walker Brothers-Cowboy (Walker Brothers Cowboy)
  • Die leuchtenden Häuser (The Shining Houses)
  • Bilder (Images)
  • Danke für die Schlittenfahrt (Thanks for the Ride)
  • Das Büro (The Office)
  • Ein Gläschen Medizin (An Ounce of Cure)
  • Die Zeit des Todes (The Time of Death)
  • Tag des Schmetterlings (Day of the Butterfly)
  • Jungen und Mädchen (Boys and Girls)
  • Postkarte (Postcard)
  • Rotes Kleid – 1946 (Red Dress – 1946)
  • Sonntagnachmittag (Sunday Afternoon)
  • Ein Ausflug an die Küste (A Trip to the Coast)
  • Der Friede von Utrecht (The Peace of Utrecht)
  • Tanz der seligen Geister (Dance of the Happy Shades)

Es sind alles Geschichten, die im ländlichen Kanada der 30er bis 50er Jahre des letzten Jahrhunderts spielen; Geschichten, die den Verlust von etwas Altem thematisieren; Geschichten, die mehr oder weniger melancholisch einen Übergang schildern, einen Übergang, den die Protagonisten oft nur gefühlsmässig als etwas Beunruhigendes wahrnehmen. Erwachsen werden, wie es der anonyme Klappentexter nennt, ist dabei nur einer der vielen Übergänge, die die Autorin schildert. Viele ihrer Protagonisten sind schon erwachsen, erleben aber nun (erst) den Verlust einer wie immer gearteten Vergangenheit. In Der Walker Brothers-Cowboy z.B. wird aus der Sicht eines Kindes geschildert, wie der Vater von einer Zukunft, die hätte sein können, und die jetzt eine Vergangenheit ist, die nie war, endgültig Abschied nimmt. Vielleicht die beste Erzählung der Sammlung.

Doch alle 15 Geschichten sind lesenswert; verblüffend wenig merkt man ihnen das Frühwerk an. Aber ich gebe zu, dass ich auch heute noch eine Schwäche habe für diese melancholische, leicht bissige, aber im Grunde todernst-realistische Art der Kurzgeschichte, wie sie damals die Iren aufgebracht haben und wie sie offenbar diese Kanadierin aufgenommen und weitergesponnen hat.

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Ein Kommentar zu Alice Munro: Tanz der seligen Geister [Dance of the Happy Shades]

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