Die Horen. Jahrgang 1796. Zweytes Stück

Herr Lorenz Stark

Ähm … öh… Wer? Wie? Was? Da war doch …? – Ach ja: Eine Fortsetzung des Charaktergemäldes aus dem 10. Stück von 1795. Worum ging es gleich schon wieder? Hm … ja, richtig: die Geschichte um den missratenen Sohn. Bzw. missratenen Vater. In dieser Nummer finden wir vor allem ein Gespräch zwischen dem Vater und seinem Arzt, der – wenn ich mich recht erinnere – zugleich sein Schwiegersohn ist, und der nun versucht, den Alten davon zu überzeugen, dass der Junior so übel nicht sei. Was soll ich dazu sagen? Der Dialog ist ebenfalls so übel nicht, Engels Sprache recht lebendig und bei weitem überzeugender als Goethes Kurialstil, den er in den Unterhaltungen präsentierte. Dennoch kann mich Herr Lorenz Stark nicht überzeugen, und ich wäre froh gewesen, der Herausgeber hätte Engels Text radikal eingedampft und in einer einzigen Horen-Nummer abgehandelt.

So droht man uns nun mit noch einer Fortsetzung.

Der Ritter von Tourville

Um gleich die fürchterlichsten Sachen vorwegzunehmen, springe ich vom ersten sofort zum letzten Text dieser Nummer. Autor dieses Ritterstücks ist ein auch in der Allgemeinen Deutschen Biographie nicht auffindbarer Johann Friedrich Gerber. Der Ritter von Tourville ist ein junger Musterknabe, der nicht nur in allen Künsten des Kriegswesens äusserst bewandert ist, sondern auch unverschämt gut aussieht. Kein Wunder, spannt er – ohne es zu wollen, selbstverständlich – seinem militärischen Vorgesetzten die Geliebte aus. Auch hier droht uns der Herausgeber mit einer Fortsetzung der Story um Young-Superman…

Fortsetzung der Briefe über Poesie, Sylbenmaaß und Sprache

Rückwärts gehend nun, treffen wir auf eine weitere Folge von August Wilhelm Schlegels (pseudo-brieflicher) Abhandlung. Schlegel schreibt hier mehr als Sprachhistoriker denn als Literaturtheoretiker. In seiner Theorie der Entstehung der Sprache nimmt er ein bisschen Herder und mischt das mit ein bisschen Rousseau. Wissenschaftsgeschichtlich wohl spannender als sprachgeschichtlich oder philosophiegeschichtlich. Will sagen: Das Ganze ist reine Spekulation, wie sie zu jener Zeit noch gern gesehen war. Es ist Schlegel zu Gute zu halten, dass er zu jenen gehörte, die die Sprachgeschichte auf den Stand einer ernst zu nehmenden Wissenschaft erhoben; hier aber finden wir ihn noch in einem frühen, spekulativen Stadium.

Versuch über die Dichtungen

Versuch? … Ah! Ein Essay! Tatsächlich werden die Horen mit dieser Nummer, mit diesem Beitrag, international, denn die Autorin dieses Essays ist niemand Geringeres als die schon 1796 berühmte Mme de Staël. (Das Anonymat wird gleich zum Schluss des Essays gelüftet, wo eine Auseinandersetzung mit Mme de Staëls Thesen in der nächsten Nummer versprochen wird – erst das zweite Mal in 14 Monaten, dass das geschieht.)

Tatsächlich ist dieser Essay, der im Original an zweiter Stelle kommt, der bei weitem beste Teil dieser Horen-Nummer. In klassisch gewordener, essayistischer Manier versucht Germaine de Staël, Skizzen einer Literaturtheorie aufzustellen und ein bisschen zu erklären.

Ihrem Ausgangspunkt, einer Einteilung der literarischen Produkte in

1) Die wunderbaren und allegorischen Dichtungen. 2) Die historischen. 3) Die Dichtungen, wo alles zugleich empfunden und nachgeahmt ist, in denen nichts wahr, aber alles wahrscheinlich ist.

kann ich zwar nicht zustimmen – den Versuch aber war es allemal wert. Mme de Staël ist in der europäischen Literatur ziemlich bewandert, kennt auch die besten Exemplare ihrer Dichtungsformen – im Gegensatz zu den deutschen Literaturkritikern, die sich meist an Zweit- und Drittklassigem orientierten.

Wenn sie der wunderbaren Dichtung ein Vergnügen, das sich bald erschöpft zuweist, weil, um sie geniesssen zu können, der Mensch bei ihrer Lektüre wieder Kind werden müsse, verrät sie zwar nur allzu sehr ihre aufklärerischen Wurzeln. Ironischer Weise wendet sie sich im Abschnitt über die wunderbare Dichtung vor allem gegen die – Ritterromane. (Ob Schiller absichtlich einen folgen liess?)

Den historischen Dichtungen ist nur ein kurzer zweiter Teil gewidmet (was schon zeigt, dass die Aufteilung ein bisschen allzu willkürlich getroffen wurde, indem die drei Teile der Literatur offenbar keineswegs gleichgewichtig sind). Darin wendet sie sich vor allem dagegen, dass die Geschichte oft nur zum Vorwand genommen wird, den berühmten Namensträgern fiktive Love-Stories anzuhängen. Eine Kritik, die ich vollumfänglich mit ihr teile, und die macht, dass ich für meinen Teil mich kaum in jenen Bezirk meiner Buchhandlung verirre, der mit „Historische Romane“ ausgeschildert ist.

Den weitaus grössten Raum räumt Mme de Staël der dritten, im Grunde genommen der Mischform, ein. Hier nun argumentiert sie bedeutend näher an der Romantik, indem sie bei dieser Form die Liebesgeschichten geradezu als bestes Beispiel darstellt. Auch sind die aufgezählten Autoren oft welche, die der (frühen) Romantik als Beispiele dienten – allen voran natürlich Jean-Jacques Rousseau. Doch aus Rousseaus Gegenpart, Voltaire, wird lobend erwähnt.

Alles in allem ein Versuch, der Appetit auf mehr gemacht hat. Ich habe mir demzufolge auch ihr bekanntestes Werk, De l’Allemagne, bestellt. (Übersetzt hat den Versuch übrigens nicht ihr späterer Freund und Reisebegleiter A. W. Schlegel, sondern Goethe persönlich.)

Ansonsten eine typische Horen-Nummer. Mit vielen Tiefs und ein paar Hochs.

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