Edmond & Jules de Goncourt: Journal. Erinnerungen aus dem literarischen Leben. 5: 1869-1872

„Literarisches Leben“ ist nicht ganz der richtige Ausdruck für die Zeit, die dieser Band abdeckt.

Literatur spielt bei den Goncourts kaum eine Rolle in den Jahren von 1869 bis 1872. Zu Beginn des Jahres 1869 tauchen noch literarische Erinnerungen auf, dann sind für längere Zeit sowohl die sog. Skeptische Gesellschaft wie die Salons bei der Prinzessin Mathilde de facto inexistent. Erst in der zweiten Hälfte des Jahres 1872 trifft man sich wieder – bei einem anderen Wirt und in teilweise geänderter personeller Zusammensetzung. So hält sich z.B. auch Victor Hugo eine Zeit lang in Paris auf und füllt seinen Mythos unter den literarischen Kollegen mit realem Leben, Gustave Flaubert reist aus Rouen an und Turgenew besucht seine französischen Freunde erneut. Auch Zola erscheint wieder bei Edmond und entwickelt ein weiteres Mal den Plan zu seiner Familiensaga Les Rougon-Macquart, in Anlehnung an Balzac. Dieser erneute literarische Frühling aber spielt sich noch ziemlich schüchtern ab, denn zwischen 1869 und 1872 liegen drei Jahre, in denen völlig andere Dinge im Vordergrund standen als die Literatur.

Und es war im Grunde genommen eben auch nicht das Leben, das dominierte, sondern sein Gegenteil: Krankheit, Krieg und Tod.

Krankheit: In der zweiten Hälfte des Jahres 1869 beginnt sich Jules‘ Gesundheitszustand rapide zu verschlechtern. Die Bäderkuren haben so wenig geholfen wie die jetzt angewendete Hydrotherapie, die Jules (wohl zu Recht) mehr als Folter empfindet denn als gesundheitsfördernde Massnahme. Im Laufe des Jahres 1870 dann versinkt Jules zusehends in den Zustand körperlicher Apathie und geistiger Regression, die für das Endstadium der Syphilis kennzeichnend ist. Schon zwischendurch wurde das Tagebuch von Edmond geführt und nicht mehr von Jules (der es zwar später wieder selber aufnimmt) – aus der Zeit von Jules‘ Agonie erfahren wir nur sehr wenig. Am 20. Juni 1870 stirbt Jules im gerade erst erworbenen Haus in Auteuil.

Edmond will das Tagebuch zunächst gar nicht weiterführen, entschliesst sich dann aber doch dazu – auch, weil er es als eine Art Vermächtnis seines Bruder empfindet. In den ersten Eintragungen nach Jules Tod dominieren, wie natürlich, Wut und Trauer. Trauer über seinen Bruder, Wut darüber, mit welchem Unverständnis die literarische Welt auch nach dessen Tod über Jules urteilt. Wut und schlechtes Gewissen auch über sich selber: Edmond macht sich Vorwürfe darüber, dass er seinen Bruder oft gescholten habe, ungeduldig mit dem Kranken gewesen sei.

Doch sehr lange kann Edmond nicht in seinen Gefühlen verharren, denn nun tritt von aussen der Tod in grossem Massstab an ihn heran. Der preussisch-französische Krieg von 1870/71 führt preussische Truppen bis nach Paris.

Napoléon III. fand sich in Frankreich einer zusehends stärker werdenden Opposition gegenüber. Es war wohl mit seine Hoffnung, dass diese still(er) sein würde, die ihn dazu verführte, sich vom Fuchs Bismarck in eine Kriegserklärung gegen Preussen manöverieren zu lassen. Napoléon war der Meinung, leichtes Spiel zu haben, weil er die süddeutschen Staaten auf seine Seite ziehen würde. Doch dadurch, dass Frankreich den Krieg erklärt hatte, waren die damals noch unabhängigen süddeutschen Staaten  Bayern, Württemberg, Baden und Hessen-Darmstadt durch Bündnis verpflichtet, Preussen zu Hilfe zu eilen, was sie entgegen Napoléons Erwartungen auch taten. (Unvorsichtige Bemerkungen über deutsche Grenzgebiete, die man gerne französisch gesehen hätte – Bemerkungen, die vor allem Hessen-Darmstadt beunruhigten – taten das Ihre.) Dadurch, dass Frankreich den Krieg erklärt hatte, und dazu noch aus einem relativ nichtigen Anlass, stand es auch im übrigen Europa als Aggressor isoliert da. Das Vertrauen in die Überlegenheit der französischen Berufsarmee über die deutschen Milizen erwies sich als trügerisch: Die Deutschen waren logistisch überlegen und konnten binnen kürzester Frist ihre Truppen samt Ausrüstung an die Front werfen, während Frankreich zwar die Truppen ebenfalls rasch im Norden hatte – aber die Ausrüstung noch in südfranzösischen Kasernen. Dazu kamen taktische Fehlentscheidungen, die vor allem auf sinnlose Anordnungen der Kaiserin Eugénie zurückgingen, die sich in alles einmischte, und der niemand, nicht einmal ihr Gatte, zu widersprechen wagte. Resultat: Napoléon III. wurde gefangen genommen, Eugénie floh aus Paris, ebenso vorübergehend Mathilde. In Frankreich wurde die Dritte Republik ausgerufen.

Das heisst: Eben nicht ganz Frankreich. In Paris bildete sich eine sozialistische Revolutions-Regierung, die sog. Commune. Kaum war also die deutsche Gefahr für Paris einigermassen eingedämmt durch Waffenstillstand und Friedensverhandlungen, fand sich Edmond de Goncourt in einem Bürgerkrieg wieder – und dies in einer Stadt unter einer Regierung, die seinesgleichen keineswegs günstig gegenüberstand.

Es ist, wenn man Edmonds Tagebucheinträge liest, erstaunlich, wie gut die eingeschlosssenen Pariser trotz allem über die Vorgänge ausserhalb ihrer Mauern orientiert waren, wie gut sie vor allem auch Beischeid wussten über die Gründe für die französische Niederlage. Das änderte allerdings nichts daran, dass die Versorgungslage für die Pariser Bevölkerung mehr als prekär war. Man ass so ungefähr jede Sorte Fleisch, deren man habhaft werden konnte: Pferde- und Eselsfleisch (zum grossen Ekel der verwöhnten Literaten!) ebenso wie Amseln, die man gefangen hatte.

Der Commune war nur ein kurzer Bestand gegönnt, bereits im Frühling 1871 war sie von der in Versailles domizilierten Dritten Republik blutig niedergeschlagen worden. Aber erst in der zweiten Hälfte des Jahres 1872 hatte sich die Lage in Paris so weit normalisiert – auch was die Versorgung mit Nahrungsmitteln betraf –, dass sich die diversen literarischen Zirkel wieder regelmässig treffen konnten.

Der Tod allerdings hält nochmals Ernte: Am 23. Oktober 1872 verstirbt mit Théophile Gautier ein weiteres Mitglied der Skeptischen Gesellschaft.

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