Høegs Stilles Mädchen oder Ein esoterischer Sündenfall

Høeg ist mit seinen Romanen eine Verquickung von hohen Verkaufszahlen, ansprechendem Niveau und durchaus spannenden Handlungskonstrukten gelungen. Sodass er zu jenen Bestsellerautoren zählte, die ich immer mal wieder gern gelesen habe.

Und auch dieses Buch verspricht anfangs einiges: Ein – aus noch unerfindlichen Gründen – entführtes Mädchen, ein Protagonist mit überragendem Gehör, der nicht nur feine akustische Nuancen aus dem Meer an Geräuschen zu filtern in der Lage ist, sondern auch Stimmungen, Befindlichkeiten zu erspüren vermag. Und ein spannender Handlungsaufbau mit Überblendung, Rückschau und gekonntem Szenenwechsel – das alles souverän und geschickt gehandhabt.

Mit zunehmender Fortdauer wird das Konstrukt jedoch abenteuerlicher und undurchsichtiger: „Besondere“ Fähigkeiten müssen sorgfältig eingesetzt werden, ebenso besondere Charaktere und besondere Schicksale. Ansonsten verflacht ein Roman bald unter dieser Besonderheitstümelei, wer die Außergewöhnlichkeit zur Regel macht, erzeugt Langeweile. Hier nun wird übertrieben: Kaum eine Figur, der man nicht ihre literarische Konstruktion ansieht, ausgedacht, künstlich und unplausibel, ein ermüdendes Panoptikum des Außergewöhnlichen. Und – häufig einhergehend mit diesem Faible Paranormale – wird das Ganze noch aufgehübscht mit musiktheoretischen und/oder philosophischen Verzierungen: Bach und Mozart allenthalben, aber auch Meister Eckhart und Kierkegaard werden zu Stichwortgebern für pseudophilosophische Auslassungen.

Womit der Sprung zur Sentenzenliteratur eines Coelho nicht mehr weit ist (hier aber mache ich mich der Übertreibung schuldig: Høeg kann schreiben, es finden sich immer wieder witzige Dialoge, geistreich-pointierte Beschreibung u. v. m.): So ist der ganze siebte Teil ein fürchterliches Sammelsurium an Platitüden und Kalenderweisheiten, ein Gespräch zwischen Äbtissin und dem Protagonisten in spirituell-esoterischem Duktus, das einem schier das Grausen ankommt und man die teelichternde Freizeitpsychologin in ihrem Feng-Shui-Wohnzimmer vor Begeisterung auf die Knie fallen sieht. Dies sind die Auswirkungen der erwähnten Besonderheitstümelei, das Phantastische – im Übermaß eingesetzt – gebiert allzu häufig derartigen Schwachsinn, Außergewöhnliches ist nur in homöopathischen Dosen erträglich (was denn der Esoterik Verdächtige wissen müsste).

Und so bleibt der Leser hier stirnrunzelnd und verärgert zurück: Vor allem deswegen, weil Høeg dies nicht nötig hätte, weil er offendkundig begabt ist, Fähigkeit besitzt. Schmiert der vorgenannte Brasilianer wieder einmal eine Esoterikschmonzette zusammen, so sei ihm (und seiner Brieftasche) dies gegönnt. Ärgerlich aber, wenn jemand, dem ganz andere Möglichkeiten zur Verfügung stünden, in ein derartiges Fahrwasser gerät, wenn er nicht in der Lage ist, sich zu bescheiden und der Verführung des seichten Geplappers nachgibt.

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