Deschners Kriminalgeschichte des Christentums, Bd 1

Deschners erster Band seiner monumentalen “Kriminalgeschichte des Christentums”, ein bewundernswertes, detailreiches und vor allem notwendiges Werk in der ungeheuren Masse der unkritischen, beschönigenden Geschichtswerke – nicht nur jener, die von einem originär christlichen Standpunkt aus geschrieben wurden, sondern auch diejenigen betreffend, die eine bloß politische Historie erzählen (wie sie etwa in Schulbüchern noch heute gelehrt wird). Man liest von glorreichen Schlachten, von großen Kaisern, nichts aber von ihren Metzeleien und Massenmorden, von eiskalter Machtpolitik, Intrigantentum, Abschlachtung Unschuldiger. Ich erinnere mich aus der Schule an die glorifizierende Darstellung Karl des Großen, dessen Größe sich auch in der Zahl der hingemetzelten Gegner bewies, Morde, die im Duktus dieser Geschichtswerke immer unumgänglich und notwendig sind. (Formulierungen der Art “war x gezwungen, y zu tun” – wobei y zumeist Krieg und Mord bedeutete, sind Legion in diesen “pädagogischen” Lehrbüchern.)

Aber in diesem ersten Band ist von einem Karl dem Großen noch nichts zu lesen, schließt er doch mit dem – für mich persönlich zutiefst abstoßenden – Augustinus ab, dem ersten christlichen Theoretiker, der von Kriegsnotwendigkeit sprach (von gerechtem und heiligem Krieg) und der “Tugend” des Gehorsams allerhöchste Priorität einräumte. Augustinus’ zutiefst negatives Menschenbild war prägend bis in unsere Zeit, die Erfindung der Erbschuld eine der perfidesten Einfälle, wodurch jeder Mensch, ob Kleinkind oder Greis, zu einem verdammenswerten Sünder wurde. (Dass mir dieser “Denker” so sehr zuwider ist liegt daran, dass ich bei der Lektüre seiner “Bekenntnisse” festzustellen gezwungen war, woher meine christliche, jedes Menschenrecht ignorierende, auf absoluten Gehorsam abzielende Erziehung ihre theoretischen Positionen bezog.)Deschner beginnt sein Werk mit einer historischen Relativierung: Er weist auf die Subjektivität aller Geschichtsschreibung hin – sowohl was Darstellung als auch Auswahl der Quellen betrifft. Und er möchte ein Gegenbild zu der oben skizzierten, einseitigen, vor allem dem Christentum schmeichelnden Geschichtsschreibung schaffen, keine weitere Lobhudelei hinzufügen, kein Beschönigen, dass man doch aus historischer Perspektive so manches betrachten müsse: Denn Mord, Betrug, Folter waren zu keiner Zeit anerkannte moralischen Qualitäten. Schon der erste Teil der Darstellung des Alten Testamentes weist auf den doktrinären und grausamen Charakter der Religion unseres “lieben Gottes” hin, ein Buch der Gemetzel und Raubzüge, die samt und sonders Gottes Wohlgefallen erregten (bzw. von ihm veranlasst wurden: Wie fast immer sind Religionen nicht Wegbereiter moralischen Verhaltens, sondern dienen vielmehr der Bemäntelung von Untaten aller Art).

Dass mit Jesus einsetzende Christentum wird – wo es nicht ohnehin ähnliche Züge wie das AT aufweist – von Paulus instrumentalisiert und zur Theologie ausgestaltet. Die nun (bis Konstantin) folgende Zeit der “Christenverfolgung”, in ihren üblichen Darstellungen weit übertrieben, wird flankiert von den ersten Häresien: Immer schon meinen einige Gruppen zur Wahrheit einen besonders privilegierten Zugang zu besitzen und andere deshalb verurteilen zu müssen – oder zu töten. In dieser Zeit wird noch die Toleranz hochgehalten: Aus dem einfachen Grund, weil man selbst in der Minderheit war und auf eine solche Duldung angewiesen war. Sobald aber das Christentum zur Staatsreligion wurde, war von diesem Gedanken nichts mehr zu spüren – im Gegenteil: Es gibt keine andere Religion in der Geschichte der Menschheit, die derart dogmatisch, doktrinär und intolerant gewesen wäre. Glaubensverfolgungen sind eine urchristliche Erfindung.

In weiterer Folge wird der zunehmende Einfluss der kirchlichen Würdenträger beschrieben (Würdenträger, die noch heute den Heiligenkalender schmücken, der ganz offenbar ein Versammlung von Mördern und Verbrechern jedweder Couleur ist) – mit Ambrosius als Schlusspunkt, dem ersten Bischof, dem sich die Kaiser unterzuordnen begannen. Diese Schilderung der Kirchenväter ist ein ungustiöser und abstoßender Bericht über Intrige, Machtpolitik, Speichelleckerei und – immer wieder – Morden, einzig um des persönlichen Vorteils willen bzw. um der Organisation Kirche Einfluss zu sichern. Die unzähligen innerchristlichen Auseinandersetzungen (zwischen Orthodoxen (Nicäanern), Donatisten, Arianern und vielen anderen) zeigen besonders beeindruckend den zutiefst “christlichen” Charakter der religiösen Hierarchien: Kaum jemand, der den anderen nicht am liebsten tot gesehen und diesem seinen Wunsch – je nach Möglichkeit – auch in die Tat umgesetzt hätte.

Nun ist dieses fortgesetzte Morden, diese Sammlung von Gräueltaten in ungeheurem Ausmaß das eine: Das andere, viel verstörendere und schlimmere hingegen die Tatsache, dass all dies noch heute geleugnet und bestritten wird – und dass diejenigen, die sich solcherart der Geschichtsklitterung schuldig machen, sogar heute noch die Macht haben, ihre widersinnige, dumme und abstoßende Ideologie mit Unterstützung der Öffentlichkeit in Schulen vorzutragen, Universitäten zu unterhalten, die diesem Unsinn einen pseudointellektuellen Anstrich verleihen – und dies alles mit milliardenschwerer Unterstützung seitens des Staates. Insofern ist Deschners Werk von großer, größter Bedeutung, es ist Aufklärung par excellence, Aufklärung, die vom Christentum stets bekämpft wurde; und wenn es die Machtverhältnisse erlaubten, wurden diese Aufklärer verbrannt, erhängt, geköpft. Die Tatsache, dass eine derart dümmliche und amoralische Religion immer noch derartige Macht besitzt zeigt die Wichtigkeit dieses Werkes, eines Werkes, von dem man hoffen darf, dass es irgendwann – in wohl ferner Zeit – in die schulische Ausbildung übernommen werden wird wie Werke von Hume, Voltaire oder Diderot.

Eine Kritik aber ist unumgänglich: Deschners Darstellung leidet an einer Überfülle von Fakten – besser: An einer teilweise unstrukturierten Aufzählung solcher Fakten. Dem Buch würden erklärende und beschreibende Kapitel guttun (etwa eine überblicksmäßige Darstellung über die verschiedenen häretischen Strömungen, das Herausarbeiten der Unterschiede) – und so manches Zitat wäre besser in einer Fußnote aufgehoben. Der Lesefluss wird durch die Aneinanderreihung dieser zitierten Quellen gehemmt, das Übermaß an aneinandergereihten Gräueltaten und Schändlichkeiten führt zu Abstumpfung, führt zu einem Nachlassen der Aufmerksamkeit. Das ändert aber nichts an der Wichtigkeit und Bedeutung dieses Unternehmens, die kaum überschätzt werden kann.

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