Gespräche mit Goethe

Goethes Gespräche: Eine Sammlung zeitgenössischer Berichte aus seiner Umgebung. Auf Grund der Ausgabe und des Nachlasses von Flodoard Freiherrn von Biedermann ergänzt und herausgegeben von Wolfgang Herwig – das wäre der komplette Titel, meist zitiert als Goethes Gespräche in der Biedermannschen Ausgabe. 5 Bände in 6 Teilbänden. Ursprünglich erschienen 1965-1987 bei Artemis in Zürich, dann als Taschenbuch bei dtv 1998. Die Bände 1-3 (letzterer eben in 2 Teilbänden) streifen oder übertreffen die 1’000-er Marke bei den Seitenzahlen locker. Zweitausendeins hatte ein paar Restexemplare im Angebot, worauf ich zuschlagen musste. Eigentlich wollte ich ja nur nachschauen, ob Eckermanns Gespräche auch integriert seien oder nicht. Sie sind es nicht (mehr – Flodoard in der ersten Auflage [1875] hatte sie noch integriert), da der aktuelle Herausgeber fand, Eckermanns Werk sei wirklich als eigenständiges Werk zu betrachten. Worin ich ihm Recht gebe.

Ansonsten aber versammeln diese Gespräche wohl jedes Fitzelchen über Goethe, dessen man habhaft werden konnte. Riemers Notizen und Texte über Goethe ebenso wie die des Kanzlers von Müller oder des Genfers Soret. (Und es ist zu bedauern, dass der „Kunscht-Meyer“ offenbar kein Tagebuch führte.)

Ziemlich genau mit der Wende zum 19. Jahrhundert, spätestens nach Schillers Tod, fing Goethe ja an, nicht nur für sich selber historisch zu werden. Er wurde es auch zusehends für das grosse Publikum. Er war einer der ersten Weltstars der Literatur, und die Leute pilgerten aus aller Herren Länder nach Weimar, um „Goethe zu sehen“. Goethes Reaktion war die eines jeden in dieser Situation: Er war geschmeichelt, er war verärgert über die Zeit, die ihm die Pflege seiner Fans raubte, er war mal freundlich und gut aufgelegt, mal kalt und bis zur Unhöflichkeit zurückhaltend.

Zwei Dinge gehen aus dieser riesigen Sammlung an Dokumenten heraus: Zum einen kann man nachverfolgen, wie es zusehends einsamer wird um Goethe. Vom Vierergespann, das der deutschen Literatur ihre klassisch genannte Epoche bescherte, starben ihm der Reihe nach Herder, Schiller und Wieland weg. Spätestens nach Wielands Tod war da keiner mehr, mit dem Goethe Peer-to-Peer über seine Werke hätte reden können. Riemer und Eckermann waren junge Speichellecker; Zelter, Soret und von Müller waren dies zwar nicht, hatten aber wenig Ahnung von Literatur. Und auch im privaten Umfeld sterben sie ihm weg. Amalie, die Herzogin-Mutter, die mit der Berufung Wielands nach Weimar die Initialzündung zur Weimarer Klassik gab. Auch die um Jahre Jüngeren gingen vor ihm: der Herzog (später Grossherzog) Karl August ebenso wie dessen Frau, Goethes Christiane ebenso wie sein einziger das Erwachsenenalter erreichender Sohn August. Nur Knebel sollte ihm bleiben, doch der war notorischer Schwarzseher; aus späterer Zeit der „Kunscht-Meyer“ und Zelter, die ihn beide nur um weniges überleben sollten.

Es ist interessant zu lesen, wie sich in Goethe immer auch die Persönlichtkeit des/der Schreibenden spiegelt. So sind diese Gespräche auch ein notwendiges Korrektiv zum Werk des schwärmerischen Verehrers Eckermann. Der nüchterne von Müller kann an Goethe so manche „Bizarrerie“, wie er es nennt, feststellen und Altersstarrsinn. Der Naturwissenschafter Soret notiert die Verfallserscheinungen des Greises: stockende Unterhaltung, zunehmende Vergesslichkeit, kurzes Einnicken mitten in einem Gespräch.

Zwei Drittel dieser Gespräche stammen aus der Zeit nach Schillers Tod und zeichnen so auch das Bild einer Gesellschaft, die sich mit Goethe und seinem sich abzeichnenden Ruhm auseinandersetzt. Dabei weitet sich der Kreis zunehmend. Zuerst stammen die Beiträge vorwiegend aus dem engern Kreis, den Goethe in Weimar/Jena um sich gezogen hatte, um sich dann auf Deutschland und schliesslich sogar auf praktisch die ganze damals bekannte Welt auszuweiten, indem mehr und mehr nicht nur Ottiliens berüchtigte Engländer zu Goethe kamen sondern auch Franzosen, Polen, Russen und US-Amerikaner.

Ein Panorama der damaligen Zeit, gesammelt und gespiegelt im Brennpunkt Goethe.

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